Tun sich gläubige Menschen bei unheilbarer Krankheit leichter damit, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, als Nichtreligiöse? In der Debatte über aktive Sterbehilfe geht es kaum je um diese Frage, sondern fast immer nur darum, inwieweit Menschen über das Ende ihres Lebens selbst bestimmen können sollten.

Aus kirchlichen, besonders katholischen Kreisen wird häufig jede Form der Sterbehilfe abgelehnt. Protestanten demonstrieren hier eine gewisse Offenheit. Ein von beiden Seiten selten diskutiertes Argument wirft nun der römisch-katholische Priester und Theologe Hans Küng in die Debatte: Wer an ein ewiges Leben glaubt, hat weniger Angst vor dem Tod als Nichtgläubige. "Ich bin der Überzeugung, dass ich nicht in ein Nichts hineinsterbe, sondern in eine letzte Wirklichkeit", formuliert Küng.

Auflehnung gegen ein System der Angst

Selbst wenn Protestanten gegenüber aktiver Sterbehilfe Verständnis zeigen, so erscheint ihnen der assistierte Suizid doch als ein Risiko, die Chancen auf ein gutes Jenseits zu schmälern. Aus katholischer Sicht drohen den Gläubigen womöglich sogar Höllenqualen, wenn sie davon Gebrauch machen. So oder so werden sich Betroffene nur schweren Herzens dafür entscheiden.

Doch Küng bezweifelt Vorstellungen von der Hölle: "die 'Höllenstrafe' bleibt, wie alles, Gott, seinem Willen und seiner Gnade untergeordnet. Versprochen ist den Glaubenden das 'Himmelreich'!" Und dem Einwand, gerade im Angesicht der Leiden Christi müsse man jedes Leiden ertragen, hält er entgegen: "Dass ich schließlich auch noch ein Leben auf vegetativem Niveau zu akzeptieren hätte, lasse ich mir von niemandem als Wille Gottes für mich einreden."

Sterben aus Vertrauen

Für Küng ist der Mensch für sein Leben selbst verantwortlich – entsprechend der Auffassung des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre (1905-1980). Daraus folge, jeder dürfe selbst darüber entscheiden, wann er angesichts unheilbarer Krankheit und Siechtum aus dem Leben scheide. Er brauche sich deswegen vor keiner göttlichen Strafe zu fürchten. Küng meint: "Man kann aus Gottvertrauen heraus freiwillig sterben."

Der Autor tritt konsequent für Sterbehilfe ein und präsentiert hierbei alle einschlägigen säkularen Argumente. Aber er erweitert die Debatte um die religiöse Dimension, indem er sich gegen katholische Würdenträger positioniert. Heraus kommt eine auch für nichtreligiöse Zeitgenossen durchaus interessante Argumentation; Gläubige dagegen mögen das Buch als Herausforderung oder Bestärkung sehen.