Wir leben im Zeitalter der Frühförderung. Krabbelgruppe, Babyschwimmen, Prager Eltern-Kind-Programm und Co. geben jungen Eltern das Gefühl, schon zu Beginn des Lebens das Beste aus ihren Sprösslingen herauszuholen. Doch wie sah Kindeserziehung früher aus? Und was hat sich während der zurückliegenden Jahrhunderte verändert? Meike Baader, Florian Esser, Wolfgang Schröer und viele weitere Autoren gehen diesen Fragen in ihrem Buch auf den Grund.

Die Erziehungswissenschaftler und Historiker liefern dem Leser einen chronologisch geordneten Überblick über Erziehung und Kindheit in Europa vom 15. Jahrhundert bis heute. Sie beleuchten einerseits geschlechterdifferenzierende Aspekte wie die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Andererseits diskutieren sie sozialpolitische und historische Entwicklungen.

Im ersten Beitrag entführt die emeritierte Professorin Juliane Jacobi den Leser in die frühe Neuzeit. In diesen zweieinhalb Jahrhunderten war Europa gezeichnet von Missernten, Kriegen und Epidemien. Die Findel- und Waisenhäuser bekamen damals viel Zulauf. Einen grundlegenden Anspruch auf Versorgung oder Bildung gab es nicht – die Lebensperspektive der Jüngsten war vorherbestimmt durch sozialen Stand, Vermögen und Geschlecht.

Vom Aufstieg des Kapitalismus auf den Schultern der Kinder

Weiter geht die Reise in die Revolutionswirren des späten 18. Jahrhunderts und in die beginnende Industrialisierung. Damals öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter, so die Autoren, was sich in vielfältiger Weise auf die Familien auswirkte. Die Kinderarbeit boomte und wurde als "erzieherische Rettung der armen Kinder" angepriesen. Das gängige Familienmodell war die Hausfrauenehe – und die Prügelstrafe verbreitete Erziehungspraxis.

Besonders erschütternd ist Wiebke Hiemischs Beitrag über nationalsozialistische Konzentrationslager. Kind zu sein, kam hier oft einem Todesurteil gleich, da die Vernichtungspläne der Nazis zentral vorsahen, die Nachkommen "auszumerzender" Gruppen zu ermorden. Inhaftierte Eltern versuchten, die Geburtsdaten ihrer Töchter und Söhne zu fälschen oder deren Aussehen zu verändern, um sie älter wirken zu lassen. Die Wissenschaftlerin beschreibt, wie sich kleine Häftlinge makabere Spiele ausdachten, um ihren trostlosen Alltag zu verarbeiten. Und wie die Erwachsenen mit allen Mitteln versuchten, die Kinder in den Lagern so schützen, so gut es ging.

Das Buch ist prall gefüllt mit Fakten und Hintergründen. Eingebettet in den geschichtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext liefert es einem fachnahen Publikum gut zusammengestellte Informationen zu Sorgeverhältnissen in den vergangenen Jahrhunderten. Wer hinter dem spielerisch anmutenden Cover jedoch leicht verständliche Lektüre erwartet, liegt daneben. Der eine oder andere Beitrag ist zwar auch für Nichtexperten geeignet, die meisten jedoch in komplizierter Fachsprache verfasst. Im Dickicht der Fremdwörter, Substantivierungen und Schachtelsätzen ist es zum Teil kaum möglich, den roten Faden im Blick zu behalten. Daher lautet das einschränkende Fazit, dass das Werk, obgleich es Experten zweifellos bereichern kann, nichts für Wissenschaftslaien ist.