Joachim Bauer, Professor für Psychosomatische Medizin an der Universität Freiburg und Autor zahlreicher Sachbücher, preist in seinem neuen Werk die Kunst der Selbstbeherrschung. Ein dankbares Thema, denn wer wünschte sich nicht mehr davon! Sich besser im Griff zu haben, nicht so ungesund zu essen, mehr Sport zu treiben und überhaupt darauf zu achten, was einem wirklich wichtig ist, statt sinnlos vor dem Fernseher zu versauern oder dem neusten Hype im Internet hinterherzurennen – solche Dinge stehen weit oben auf den Wunschzetteln vieler Menschen. Den Verlockungen des schnellen Lustgewinns setzt Bauer das Ideal eines widerständigen, kontrollierten Geistes entgegen, das uns helfe, "unser wirkliches Leben zu leben".

Der Autor verknüpft dabei alltagspsychologische Fragen mit der Debatte um die Willensfreiheit. Das ist geschickt, denn so holt man neben den Lesern, die von mehr Disziplin und Selbstkontrolle träumen, auch all jene ab, die sich für neurophilosophische Debatten interessieren. Die von Hirnforschern wie Wolf Singer und Gerhard Roth einst zur Illusion erklärte Willensfreiheit wird von Bauer quasi im Vorbeigehen rehabilitiert. Allerdings kann das Argument, der neurowissenschaftlich begründete Zweifel am freien Willen fördere die kollektive Flucht vor der (Selbst-)Verantwortung, wenig überzeugen. Bauer hängt die Bedeutung solcher Diskussionen unter Feierabendphilosophen allzu hoch.

Die Psyche kann nicht alles

Mehrfach klingt im Buch ein Thema an, das dem Psychosomatiker offenbar besonders am Herzen liegt: Selbstbeherrschung fördere die Gesundheit und lindere körperliche Leiden. So schreibt Bauer, dass "eine bewusste, achtsame und selbstfürsorgliche Haltung per se die immunologische Abwehr und die körpereigenen Heilkräfte stärkt". Das ist sicher richtig, doch taugt eine "intakte Selbstkontrolle" allein noch nicht als Heilmittel bei Krebs, Demenz oder anderen Erkrankungen. Wohlweislich behauptet das der Autor auch nicht, allerdings könnte man seine Argumentation leicht auf diese Weise missverstehen.

Hier zeigt sich ein Grundproblem des Buchs: Es bewegt sich auf sehr allgemeiner, grundsätzlicher Ebene und überlässt es dem Leser, konkrete Schlüsse zu ziehen. Immerhin liefert Bauer viele Anregungen und wissenschaftliche Fakten, die uns einen aufmerksameren Umgang mit uns selbst und den eigenen Wünschen nahelegen.

Schade, dass zwei für das Thema zentrale Fragen nicht gestreift werden: Wie schafft man es, die Handbremse im Kopf fester anzuziehen (so man es möchte)? Bauer stellt zwar ausführlich da, worunter die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung heutzutage leidet. Er übt Kritik an den neuen Medien, die uns zu ständiger Verfügbar- und Verführbarkeit zwingen; am Arbeitsstress, der die Kontrollinstanz im präfrontalen Kortex ausschalte; sowie an der mangelnden Erziehung zur Selbstverantwortung. Doch praktische Hinweise darauf, wie sich die eigene Willenskraft stärken lässt, sucht man vergeblich.

Zwang geht leicht nach hinten los

Zudem blendet Bauer aus, dass sich mancher Zeitgenosse vor lauter Selbstkontrolle vielleicht auch selbst im Weg steht, und die Diät oder die Tabakabstinenz gerade deshalb misslingt, weil man sich zu sehr damit beschäftigt. So belegen viele Studien die paradoxen Effekte der bewussten Selbstkontrolle: Neue Gewohnheiten und Routinen zu etablieren, hilft oft mehr, als in ständiger Habachtstellung zu leben.

Egal, ob unsere Impulshemmung durch Konsumismus und mediale Dauerberieselung nun geschwächt wird oder nicht; egal, wie gut sich schlechte Angewohnheiten durch Aktivierung der mentalen Selbstkontrolle bekämpfen lassen – eines scheint am Ende sicher: Ein vollkommen kontrolliertes Leben wäre wohl auch ein ziemlich langweiliges.