Nicht umsonst hat der Psychiater und Psychotherapeut Mazda Adli den Titel seines Buchs in Analogie zur erfolgreichen US-amerikanischen Fernsehserie "Sex and the City" gewählt. Spielt diese doch vor der Kulisse von New York, der Großstadt schlechthin. New York, Metropole mit einer der höchsten Single-Raten der Welt, Geburtsort des modernen Stadtneurotikers à la Woody Allen, ist ein Symbol für die urbane Faszination. Zumindest in ärmeren Regionen lässt vor allem die Suche nach Arbeit die Menschen vom Land fliehen. Doch Städte bieten auch bessere Bildungsmöglichkeiten, eine bessere medizinische Versorgung, ein großes kulturelles Angebot und die Chance zur freien Persönlichkeitsentfaltung. So ist ihre Attraktivität nach wie vor ungebrochen: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, in Deutschland sind es drei Viertel der Einwohner, Tendenz steigend.

Adli, Stressforscher und Mitbegründer des Inter­disziplinären Forums Neurourbanistik, liefert eine spannende Analyse der Faktoren, die Großstädte prägen, das Leben dort aber auch anstrengend machen. Dazu gehören Lärm, verstopfte Straßen und fehlende Rückzugsmöglichkeiten. Der Autor schildert die Probleme, denen sich urbane Räume heute gegenübersehen, sowohl in Europa als auch in Ländern, in denen die Mehrzahl der Bewohner in Slums lebt. Er erklärt, wie Stress entsteht, dass der Mensch eine gewisse Portion davon im Leben braucht, welche alltäglichen Situationen uns unter Druck setzen und welche Strategien bei der Bewältigung helfen. So wächst mit zunehmender Einwohnerzahl die Anonymität. Viele fühlen sich deshalb einsam. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression und der Größe der Stadt, in der man lebt oder aufgewachsen ist. Zugleich bieten Metropolen – neben guter Infrastruktur und gezwungenermaßen vielen zwischenmenschlichen Kontakten – aber auch wichtige Reize für die Hirnentwicklung und fördern die Kommunikationsfähigkeit.

Dem Titel nach eher unerwartet, ist "Stress and the City" aber auch eine heimliche Liebeserklärung an die Stadt, vor allem an Berlin, die heutige Heimat des Autors. Gerade die vielen persönlichen Bezüge machen das Buch sehr lebendig. Geboren in Köln, wuchs der Sohn iranischer Einwanderer im eher beschaulichen Bonner Stadtteil Bad Godesberg auf und erlebte später die islamische Revolution in Teheran. Als Student verbrachte er einige Zeit in Wien und Paris, deren Besonderheiten er nun nachspürt und mit denen anderer Großstädte vergleicht. Neben eigenen Erfahrungen greift der Stressforscher auf wissenschaftliche Studien zurück und beschließt die großen Kapitel mit Interviews von Menschen, die sich in irgendeiner Weise mit dem urbanen Leben auseinandersetzen oder es prägen. Gemeinsam mit ihnen erarbeitet Adli Eigenschaften, die eine ideale Stadt haben sollte, und liefert Denkanstöße für die Metropolen der Zukunft.

"Stress and the City" ist ein kurzweiliges und optimistisches Buch, das viele Einblicke in das alltägliche Stressverhalten vermittelt und nebenbei noch Lust auf die nächste Städtereise macht.