Ein Hirnforscher erhält anonyme E-Mails. Der Absender, der sich selbst "das Ich" nennt, geht mit dem Neuroguru hart ins Gericht: Wie sich dieser erdreisten könne zu behaupten, dass es kein Ich gebe? Alles nur Gehirnaktivität, die ein Ich vorgaukle? Unsinn! Und wenn der honorige Professor es nicht einsehen wolle, drohe ihm kein Neuronengewitter, sondern ein Donnerwetter. Ihm und seiner Familie.

Der Hirnforscher weiß sich nicht anders zu helfen, als die Polizei einzuschalten, die flugs die Fahndung nach dem "Ich" aufnimmt. Um dessen Identität zu lüften, soll der Professor es in einen argumentativen Schlagabtausch über Geist, Gehirn und Bewusstsein verstricken. Ob der Plan aufgeht?

Der in Ottawa (Kanada) arbeitende deutsche Psychiater und Philosoph Georg Northoff bettet seine Sicht auf das Körper-Geist-Problem in diese Rahmenhandlung ein. Ein witziger Dreh – auch wenn Kommissar und Kriminalpsychologin, die in Kurzdialogen zwischen den Kapiteln zu Wort kommen, nur als Stichwortgeber fungieren. Statt eines echten Krimiplots sind das eher augenzwinkernde Intermezzi in einer ansonsten inhaltsschweren Erörterung.

Angefangen bei Platon, Thomas von Aquin und René Descartes skizziert Northoff zunächst die Vorläufer der modernen Philosophie des Geistes. Die Suche nach den neuronalen Korrelaten von Bewusstsein leitet dann über zu seinem Hauptanliegen: der Ehrenrettung des Ichs.

Über weite Strecken hat das den Charakter einer Verteidigungsschrift – gegen die Naturalisierung des Geistes und gegen die Gleichsetzung von Ich und Gehirn. Die Kernthese lautet: Die Neurowissenschaften meinen, das Ich als Illusion entlarvt zu haben. Es gebe kein Ich, nur Neuronen. Doch diese Auffassung beruhe auf einem Irrtum, denn man könne von der bloßen Korrelation zwischen neuronaler und geistiger Aktivität nicht auf deren ursächliche Beziehung schließen.

Die Stärke des Buchs liegt in seiner bildhaften, stets um einprägsame Denkexperimente, Vergleiche und Metaphern bemühten Sprache. Da wird das Verhältnis von Gehirn und Geist mal als innig verschlungenes Liebespaar, mal als Schlüssel und Schloss, als Automotor und Karosserie, als Hose und Hosenbein oder auch als Fisch und Rosenkohl charakterisiert. Mit letzterem Beispiel geißelt der Autor den besagten Fehlschluss von der Korrelation auf eine Kausalbeziehung: Wer beim Einkaufen auf dem Markt einen Barsch zwischen dem Kohl entdeckt und folglich glaubt, der Fisch sei auf wundersame Weise aus dem Gemüse hervorgegangen – der liege genauso daneben wie die Ich-Verächter.

Hier offenbart sich Northoffs rhetorischer Kniff. Er stellt die "Naivität" von Neurophilosophen und Hirnforschern als abstruser hin, als sie womöglich ist – um sie desto leichter abzuservieren. Dem ernst gemeinten und wichtigen Ziel, die Denkfehler und Trugschlüsse der Neurowissenschaften aufzudecken, wird das aber nicht ganz gerecht.

Auch kommt im Vergleich zur ausführlichen Neurokritik der vermeintliche Gegenentwurf etwas zu kurz. Zwar spricht Northoff immer wieder davon, das Ich sei eben kein Flackern von Neuronen, sondern eine Beziehung – die zwischen Gehirn und Umwelt. Doch mit der Rede vom "Beziehungsorgan" lösen sich die philosophischen Probleme keineswegs in Wohlgefallen auf. Im Gegenteil, sie beginnen erst: Denn wo, wenn nicht im und durch das Gehirn, wird diese Beziehung manifest?