Einstein-Biografien gibt es en masse, viele davon sind erst anlässlich des Einsteinjahres 2005 erschienen. Die Her-angehensweise der Autoren ist dabei so verschiedenartig wie die Bereiche der Physik, die von Einsteins Arbeiten beeinflusst und geprägt wurden. Manche dieser Biografien widmen sich dem historischen Kontext von Einsteins Leben und Werk, andere ergründen das Privatleben des laut einer Umfrage der BBC größten Physikers aller Zeiten.

Ähnlich vielfältig sind die Darstellungen von Einsteins wissenschaftlichen Theorien und den Forschungsfeldern, die sie eröffnet haben. Dennoch, gerade bei der berühmten Relativitätstheorie tun sich die meisten in ihrem Anspruch auf Anschaulichkeit und Verständlichkeit schwer, entziehen sich doch sowohl die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit als auch die Krümmung der vierdimensionalen Raumzeit – jeweils die Basis von spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie – unserer Alltagserfahrung.

Michio Kaku, Stringtheoretiker und so etwas wie der US-amerikanische Harald Lesch, möchte seine Leser in "Einsteins Würfel" mit in die Gedankenwelt Einsteins nehmen, die gar nicht so kompliziert wie man angesichts der formelreichen Theorien meinen könnte, sondern von anschaulichen Bildern geprägt gewesen sein soll. Kaku gliedert Einsteins Werk in drei Teile, die auch mit drei unterschiedlichen Phasen seines Lebens zusammenfallen. Der erste Abschnitt führt den Leser durch Einsteins Jugend und Studienjahre hin zum "Annus Mirabilis" 1905, in dem er neben der speziellen Relativitätstheorie und der quantenphysikalischen Deutung des lichtelektrischen Effekts, für die er später den Nobelpreis erhielt, noch weitere auf ihren Gebieten bahnbrechende Arbeiten veröffentlichte. Im Anschluss widmet sich der in Forscherkreisen inzwischen bekannt gewordene Einstein – und mit ihm Kaku – der Gravitation, bis schließlich die allgemeine Relativitätstheo-rie geboren ist.

Dann wendet sich Einstein in der zweiten Hälfte seines Lebens der Vereinheitlichung von Gravitation und Elektromagnetismus zu – ohne Erfolg, denn in seinem Streben nach der "Weltformel" war er seiner Zeit weit voraus. Kaku beschließt diesen Abschnitt mit einem längeren Kapitel über Theorien Einsteins, die erst nach seinem Tode verifiziert werden konnten und die die Wissenschaftler bis heute beschäftigen. Gravitationslinsen und Schwarze Löcher dürfen dabei ebenso wenig fehlen wie Gravitationswellen und die kosmologische Konstante in ihrer heutigen Interpretation als Dunkle Energie. Als letztes Erbe Einsteins bleibt außerdem die Suche nach einer einheitlichen Feldtheorie, wie sie heute mit der Stringtheorie vorangetrieben wird. Dass Kaku eigentlich keine Biografie schreiben wollte, merkt man alleine schon daran, dass er sich bei unter Wissenschaftshistorikern strittigen Themen vornehm zurückhält, wie zum Beispiel dem Beitrag von Einsteins erster Ehefrau Mileva Maric zu seinen frühen Arbeiten. Der am Leben Einsteins interessierte Leser wird dennoch im letzten Teil des Buchs mehr und mehr die persönlichen Details und Anekdoten vermissen, mit denen Kaku "Einsteins Würfel" zu Beginn noch reichlich gewürzt hat. Dagegen gelingt es Kaku tatsächlich auf wunderbare Weise, dem Leser die Theorien Einsteins nahezubringen. Dafür greift er zum einen auf anekdotische Gedankengänge von Einstein selbst zurück, zum anderen versteht er es auch ganz hervorragend, die einsteinschen Vorstellungen mit zusätzlichen Beispielen zu ergänzen.

Die tatsächliche Physik kann dabei zwangsläufig nur an der Oberfläche angekratzt werden – außer dem unvermeidlichen E = m c² enthält das Buch keine einzige Formel – die anschaulichen Beschreibungen bewirken aber dennoch, dass man zumindest die der Relativitätstheorie zugrundeliegenden Prinzipien leicht versteht. In seiner zweiten Lebenshälfte fehlte Einstein ein solcher Leitgedanke, für Kaku der Grund, warum er das dritte Ziel, die einheitliche Feldtheorie, nie erreichte.

Kaku beschränkt sich nicht auf Einsteins Werk, sondern bringt uns genauso die Arbeiten Maxwells und Newtons nahe, auf denen spezielle und allgemeine Relativitätstheorie fußen. Der Leser lernt auch Zeitgenossen Einsteins wie Planck, Pauli, Schrödinger und Bohr kennen und erfährt wie sich Einsteins Theorien in die Strömungen der Physik der damaligen Zeit einordnen und sie schließlich mitbestimmen. Ganz nebenbei gelingt Kaku an dieser Stelle eine hervorragend anschauliche Erklärung eines ebenfalls nicht einfach zu verstehenden physikalischen Konzepts, nämlich der heisenbergschen Unschärferelation. Bleiben als kleine Wermutstropfen diejenigen Fußnoten, die über Quellverweise hinausgehen und anstatt am unteren Seitenrand am Ende des Buchs gesammelt werden; das resultierende Hin- und Herblättern schmälert das Lesevergnügen allerdings nur wenig. Es finden sich auch eine Handvoll etwas seltsam bis falsch geratene Formulierungen, die aber vermutlich der deutschen Übersetzung zuzuschreiben sind.

Carolin Liefke
Die Rezensentin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Haus der Astronomie in Heidelberg und promovierte in Astrophysik an der Hamburger Sternwarte. Sie bloggt in den KosmoLogs unter "Astronomers do it at Night".