Viele Theorien in vielen Disziplinen wurden von Menschen aufgestellt, aber keine davon hat so viel Aufsehen erregt wie die zur Evolution von Charles Darwin. Sie gilt auch heute noch als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Theorien der Moderne. Denn kaum eine Theorie ist so fächerübergreifend wie die zur Entwicklung der Arten. Keine Theorie hat die menschliche Gesellschaft so beeinflusst wie diese, und nur über wenige wissenschaftliche Lehrmeinungen wird immer noch so heftig in alle möglichen Richtungen diskutiert.

Und genau das macht das Tolle an diesem Buch aus: "Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch." In der Tat ist es ein Handbuch, denn es vereint viele Themen, die in der Debatte über die Evolution eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen. Das Buch schaut "über den Tellerrand hinaus" und eröffnet dem Leser viele Einblicke in die einzelnen Disziplinen der Evolution.

40 Autorinnen und Autoren aus den verschiedensten Disziplinen konnten die Herausgeber gewinnen, um sich dem Evolutionsgedanken zu widmen. Das Buch gliedert sich in vier große Hauptkapitel, wobei das vierte Kapitel nochmals in zwei große Unterkapitel unterteilt wird. Im ersten Abschnitt geht es um Konzepte, Begriffe und die Begriffsgeschichte der Evolution – ein hervorragender Einstieg in das Buch und die Thematik, auch für Neueinsteiger auf diesem Gebiet. Das Kapitel enthält von Abstammung bis Zufall Begriffserläuterungen und kurze Abhandlungen zu den verschiedenen Stichworten rund um die Evolution.

Im zweiten Kapitel widmen sich die Autoren verschiedenen Aspekten, die sich um die Theorien und die Debatte der Biologiegeschichte drehen. Es geht um Darwins Theorie, um die verschiedenen Thesen bis 1860, um die Evolutionsbiologie bis 1900, um die Genetik und die Moderne Synthesetheorie, um neuere Entwicklungen im Bereich der Evolutionsbiologie, auch Neodarwinismus genannt, und um die generellen Evolutionstheorien. Im dritten Kapitel geht es darum, wie die Evolutionstheorie der Allgemeinheit repräsentiert wird. Hier gehen die Autoren der Frage nach, ob eine Kommunikationsebene zwischen der Wissenschaft und der Allgemeinheit existiert und wenn ja, wie intensiv diese ist. Spannend ist dabei die Tatsache, dass "sowohl die Praxis des Sammelns als auch die Orte der Präsentation für die Durchführung des Evolutionsgedanken eine entscheidende Rolle spielen", so die Autorin Anke te Heesen. Spannend fand ich die Tatsache, welch großen Einfluss Vereine in die Verbreitung des Evolutionsgedanken und der Beschäftigung mit der Natur haben.

Das vierte und letzte Kapitel setzt sich mit den Einflüssen, Verbindungen und Auswirkungen der Evolutionstheorie auseinander. Hier wird das Augenmerk nicht nur auf die wissenschaftliche Ebene gelegt, sondern auch die gesellschaftliche Ebene wird dabei nicht außen vor gelassen. Denn gerade auf diesem Gebiet fanden in den letzten Jahren viele Veränderungen und Diskussionen statt, die teilweise negative Begleiterscheinungen zeigten. Dazu gehörten auf gesellschaftlicher Ebene sicherlich die verstärkte Front der Vertreter des Kreationismus und des Intelligent Design, zudem sind Begriffe wie Rassismus oder Rassenhygiene wieder gefallen.

Betrachtet man die wissenschaftliche Seite, so erkennt man eindeutig, dass die Evolutionstheorie in fast allen Bereichen zu finden ist. Die Gedanken von Richard Dawkins werden hier nicht beiseite gelegt, denn er wirft Christen und anderen Gläubigen "Gotteswahn" vor, da sie die Ansätze der Evolutionsbiologie für nichtig halten.

Durchaus interessant ist zudem das Teilgebiet der Bionik/Ingenieurwissenschaften. Hier wird gezeigt, dass sich die Bionik und die Ingenieurwissenschaften auf einen neuen Pfad, den der Evolutionsbionik, begeben haben. Der Gedanke innerhalb der Evolutionsbionik ist, dass "nicht nur die Organismen als Ergebnisse des evolutionären Optimierungsprozesses eine geeignete Inspirationsquelle für Ingenieure sind, sondern auch der Prozess der Evolution selbst". Natürlich spielen dabei die Veränderungen der Organismen im Verlauf der Evolution eine Rolle, denn diese architektonischen Veränderungen helfen den Ingenieuren Anpassungen zu verstehen.

Den Herausgebern ist es gemeinsam mit den 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelungen, eine der wichtigsten Theorien der Gegenwart vielseitig und aufschlussreich vorzustellen. Als Leser erhält man einen Einblick in den aktuellen Stand der Debatte um die Evolution. Das Buch ist kein Einführungsbuch, sondern wirklich ein Handbuch, welches der Leser jederzeit zu Rate ziehen kann, weshalb es gerade für Studierende besonders zu empfehlen ist.