Wenn Nico Semsrott gefragt wird, warum er ausgerechnet Witze über Depressionen macht, antwortet er: "Weil das ein Thema ist, an dem man sich prima aufhängen kann." Es ist einer dieser Gags,bei denen manchem Zuschauer das Lachen im Hals stecken bleibt. Späße über Suizid, Hoffnungslosigkeit, Trauer – darf man das überhaupt?

Man darf. Und in Nico Semsrotts Bühnenprogramm "Freude ist nur ein Mangel an Information" ist das sogar richtig lustig. Denn der Hamburger Künstler amüsiert sich nur scheinbar auf Kosten von psychisch Erkrankten über deren Beschwerden. Tatsächlich ist es eines seiner Anliegen, die Weltsicht von Depressiven und die Entstehung dieser Krankheit humorvoll zu erklären. Semsrott, selbst ehemals Betroffener, beschreibt die tiefe Resignation als Folge unentwegter, als qualvoll erlebter Entscheidungen: Der stetige Optimierungswahn sei es, der uns unglücklich mache – eine Botschaft, der viele Psychotherapeuten zustimmen werden.

Persönlich betrübt ihn, dass der Einzelne zwar die Wahl zwischen 80 verschiedenen Schokoladensorten hat ("eine Situation, auf die das menschliche Gehirn evolutionär nicht vorbereitet ist"), aber kaum Möglichkeiten, etwas an den großen Missständen auf der Welt zu ändern. Denn die sind das zweite Lieblingsthema des Komikers. Manchmal etwas platt, meistens jedoch erfrischend scharfsinnig nimmt Semsrott Ungerechtigkeiten, Bigotterie und Fortschrittsfeindlichkeit aufs Korn. Fassungslos rechnet er etwa vor, dass Menschenrechte gegen Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie aufgewogen werden. Seine Analysen liefern ein wunderbares Beispiel für den "depressiven Realismus": Erst nach dem Absetzen der rosaroten Brille bietet sich ein objektives Bild vom Zustand der Welt.

Nicht nur inhaltlich, auch formal mutet Semsrott seinem Publikum einiges zu. Die Stimme ist monoton, Gestik und Mimik bewusst teilnahmslos – das kann auf die Nerven gehen. Viele Wortspiele und Pointen platziert er wie beiläufig, über manche muss man zweimal nachdenken, ehe man sie begreift. Doch die Strapazen lohnen sich.

Wenn die Stimmung im Saal allzu nachdenklich zu werden droht, packt Semsrott seine Geheimwaffe aus: das Bild eines süßen Kaninchens. Galgenhumor der feinsten Sorte mit therapeutischer Wirkung. Einmal reiste sogar eine Gruppe depressiver Patienten aus einer Klinik an, um Semsrotts Programm zu sehen. Sie sagten anschließend, es sei ein schöner Abend gewesen.