Dass ein Spitzenplatz in den Bestsellerlisten nichts über die Qualität eines Buchs aussagt, ist gewiss keine neue Erkenntnis. Neu ist aber, dass sich das betreffende Werk mit einem stammtischtauglichen Titel anbiedert, obwohl der Autor für die darin enthaltene These letztlich nicht ein einziges schlüssiges Argument liefern kann. Da wundert es nicht, dass der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen im Vorwort schreibt, er sei "in einigen Dingen nicht einer Meinung" mit dem Kollegen.

"Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen", lautet die streitbare Ansicht von Manfred Lütz. Zu deren Begründung vermag der Psychiater nicht mehr als ein paar Fallbeispiele anzuführen. Als Erstes nennt er Adolf Hitler, der ein "Problem", aber durchaus normal und gesund gewesen sei – und zwar aus folgenden Gründen: 1. Wäre Hitler psychisch krank gewesen, hätte er nicht solche Reden schwingen, nicht solche Taten vollbringen können. 2. Ihm eine psychische Störung zu attestieren, banalisiere seine Verbrechen. 3. Wäre er krank gewesen, müsste man ihn vielleicht für schuldunfähig erklären, doch kein ernstzunehmender Autor habe das je getan.

Das letzte Argument entkräftet Lück selbst mit der Formulierung "vielleicht", denn natürlich weiß er, dass einem psychisch Kranken nur dann die Schuldfähigkeit abgesprochen wird, wenn er keine Einsicht in seine Tat hatte oder sein Verhalten nicht mehr steuern konnte (zum Beispiel im Fall von Demenz oder Wahnvorstellungen). Die Logik hinter Lücks zweitem Argument bleibt ebenfalls im Dunkeln. Inwiefern banalisiert eine Krankheit ein Verbrechen? Und selbst wenn – ein moralischer Imperativ hat leider allzu selten Einfluss auf die Realität.

Auch das erste Argument gründet auf einer unhaltbaren Annahme, denn selbstverständlich gibt es psychisch kranke Menschen, die dennoch die Karriereleiter erklommen haben. Jüngstes Beispiel: Robert Enke, der zum Fußballnationalspieler aufstieg, obwohl er immer wieder an Depressionen litt.

Wie wenig sich der Autor um grobe sachliche Fehler schert, belegt auch folgender Lapsus. Die Tatsache, dass der Sprössling des nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung dieselben Verbrechen begehe wie sein Vater, sei ein Beweis für die Erblichkeit des "ganz normalen Wahnsinns". Dass Menschen Verhalten auch erlernen können, beispielsweise am Modell des Vaters, scheint dem Psychiater nicht geläufig zu sein.

Natürlich weiß Lütz die Leser auf seiner Seite, wenn er das Gebaren von Dieter Bohlen oder Paris Hilton mit dem seiner Patienten vergleicht, die sich neben den Promis ganz vernünftig ausnehmen. Überhaupt: Eine akute Schizophrenie sei im Vergleich zu dem Unsinn, den etwa esoterische Zirkel verzapften, "ein Hort reinster Rationalität". Mit solchen Sätzen demonstriert der Autor seine große Stärke: provokante Hypothesen gewitzt auszudrücken.

In der zweiten Hälfte des Buchs ist neben dem Sprachwitz auch der Inhalt gelungen. Hier bringt Lütz psychiatrisches Grundwissen vor allem zu Demenz, Sucht, Schizophrenie und Depression auf den Punkt. Schade, dass er sich in diesem Teil kurz fasst und die gesammelten Angst- und Persönlichkeitsstörungen auf ein paar Seiten abhandelt, während er seine fixe Idee vom "normalen Wahnsinn" kapitelweise auswalzt.

Behandeln wir denn wirklich die Falschen? Der Psychiater sagt am Ende selbst: Therapie für die Kranken, und für die Normalen – Satire. Eine solche meint er wohl verfasst zu haben. Doch einige Kapitel sind ganz sachlich gehalten. Die satirische Methode der Verzerrung nutzt er nur dann, wenn es gilt, den werbewirksamen Titel zu untermauern.