Jeder träumt bisweilen davon, sich von seinen Mitmenschen abzuheben – etwa durch ein besonderes Talent oder einen gigantischen IQ. Für einige wenige nun ist genau das das tägliche Los und macht sie alles andere als glücklich: Sie fühlen sich ausgegrenzt, missverstanden und allein. Wieder andere können sich solche Gefühle überhaupt nicht erklären, weil sie gar nichts von ihrer Außergewöhnlichkeit ahnen.

Hochbegabte sind schlauer als 98 Prozent der Bevölkerung. Doch sind sie auch auf sensorischer und emotionaler Ebene überdurchschnittlich empfindsam? Die Diplompsychologin und Verhaltenstherapeutin Andrea Brackmann tastet sich einfühlsam an diese Gruppe von Menschen heran, die sich so ganz anders fühlen als der Rest. "Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?" fragt die Autorin und beschäftigt sich damit auf eher unübliche Weise mit dem Phänomen überdurchschnittlicher Intelligenz.

Zahlreiche Beispiele aus ihren langjährigen Erfahrungen als Therapeutin scheinen die Vermutung im Titel grundsätzlich zu bestätigen. So entwickeln viele Hochbegabte schon als Kind starke Eigenarten und ertragen Ungerechtigkeiten nur schlecht. Außerdem sind sie häufig lärmempfindlich oder fühlen körperliche Schmerzen, wenn ihnen fremde Menschen nur beim Schlangestehen zu nahe kommen. Aus der übersensiblen Wahrnehmung der Umwelt, ihrer Mitmenschen und von sich selbst ergeben sich schließlich viele soziale Schwierigkeiten.

Hochintelligente Menschen haben beispielsweise extreme Ansprüche an Freundschaften und gleichzeitig Schwierigkeiten, auch nur Smalltalk zu führen – was in den Augen anderer leicht als mangelnder Sinn für Humor abgestempelt werden kann und einen lockeren Umgang schwierig macht. Im Gegensatz zu vielen Ratgebern über Hochbegabung wendet sich Andrea Brackmann mit ihrem Werk weniger an unsichere Eltern, die bei ihren Sprösslingen ein besonderes Talent vermuten. Sie richtete sich vor allem an Psychotherapeuten, die in ihrer täglichen Arbeit auf einen besonders intelligenten und empfindsamen Menschen treffen, dessen Situation vielleicht aber auf den ersten Blick nicht erfassen.

Tatsächlich gestaltet sich die Diagnose häufig nicht einfach: Ein Großteil der Hochbegabten ahnt selbst nichts von den eigenen Fähigkeiten, sondern wundert sich ein Leben lang, warum einiges so viel komplizierter läuft als bei anderen. Um bei diesen Patienten aber nicht fälschlicherweise eine psychische Störung zu diagnostizieren, ist es nach Meinung der Autorin wichtig, den richtigen Blick für die übersensible Persönlichkeitsstruktur zu gewinnen. So erklärt Brackmann schließlich auch Symptome wie Autismus oder Borderline vor dem Hintergrund der Hochbegabung – ein Aspekt, dem man sich durchaus eine noch lebhaftere Diskussion wünschen würde.

Fazit: Andrea Brackmann ist mit "Jenseits der Norm" ein Buch gelungen, das spannende und sicher auch erleuchtende Augenblicke gewährt. Vor allem auch für erwachsene Hochbegabte.