Wer kennt die Insel nicht? Zumindest die Liedzeile "Wir lagen vor Madagaskar" dürfte fast jedem Menschen hierzulande geläufig sein. Doch wer kennt das Land genau? Wohl kaum einer. Denn weder steht Madagaskar auf der Liste der Pauschalurlaubsziele noch bestimmt es die Nachrichten wie China, der Nahe Osten oder die USA. Dabei gehört es wahrscheinlich zu den interessantesten Ländern der Erde: ökologisch, ethnisch, kulturell und politisch.

Und leider wurde die Insel vor Afrikas Ostküste bislang auch von der deutschsprachigen Literatur etwas stiefmütterlich behandelt: Wer mehr über die faszinierende Tierwelt und die Bräuche der Madegassen erfahren wollte, musste zu Peter Tysons wunderbarem "The eighth continent" oder gleich zum monumentalen "The Natural History of Madagascar" von Steven M. Goodman, Jonathan P. Benstead und Harald Schutz greifen – bis jetzt. Denn nun bereichert das Buch "Madagaskar. Von Makis und Menschen" von Lennart Pyritz die Buchregale von Naturinteressierten.

Zusammen mit einigen Koautoren, die verschiedene Kapitel etwa zur eigentümlichen Welt der Amphibien und Reptilien, der Vegetation oder Ethnologie der Insel beigesteuert haben, stellt Pyritz die zahlreichen des Tropeneilands vor. Das Buch gliedert sich dabei in zwei sehr unterschiedliche Teile: Die erste Hälfte widmet sich fachlich, aber sehr gut lesbar und fundiert der Natur und Kultur Madagaskars.

Natürlich werden hier die einzigartigen Lemuren vorgestellt, die wohl meist unser Naturbild des Landes prägen. Es gehört nicht nur zu den artenreichsten der Erde, sondern hält auch eine Sonderstellung inne, da die Mehrzahl der vorhandenen Spezies endemisch ist – also einzigartig nur hier vorkommt. Das gilt nicht nur für die mit den Affen verwandten Lemuren, sondern auch für Reptilien, Amphibien, die Vogelwelt (die leider etwas kurz kommt) und die Pflanzen.

Immer noch entdecken Forscher hier neue Spezies: Palmen, Vögel, Frösche, aber auch Lemuren, der Vielfalt in den letzten Jahren durch Neubeschreibungen stark angewachsen ist. Zugleich ist dieses Paradies jedoch auch extrem bedroht: Armut, Korruption und mangelnder Zugang zu Bildung und Technologie sorgen dafür, dass die Landbevölkerung immer noch großflächig Wald vernichtet, um Felder anzulegen. In der Folge erodiert der Boden und ganze Landstriche verwüsten. Auf der anderen Seite sorgte politische Instabilität, dass internationale Banden selbst in Nationalparks edle Hölzer einschlagen und außer Landes schaffen konnten. Auch diese dunkle Seite spart das Buch nicht aus, es verweist allerdings ebenso auf gelungene Beispiele für Zusammenarbeit beim Naturschutz.

Der zweite Abschnitt von "Madagaskar" besteht aus dem Reisetagebuch von Lennart Pyritz, der vor Ort seine Doktorarbeit über Lemuren angefertigt hat (dieses erschien bereits als Blog auf Spektrum.de). Vergnüglich beschrieben, vermittelt es einen treffenden Einblick in den Arbeitsalltag eines Primatenforschers in einem Entwicklungsland – mit allen Höhen und Tiefen, die das Leben im "Busch" unter teils rudimentären Bedingungen bereit hält.

Neben den alltäglichen Unwägbarkeiten auf Reisen und netten Anekdoten aus der lokalen Tierwelt im Kirindy-Trockenwald (dem Arbeitsgebiet), erfährt man hier aus erster Hand Wissenswertes über das Familienleben von Madegassen, wie sie feiern, mit was ihre Kinder spielen oder was sie vom Umweltschutz halten. Gleichzeitig sind diese Tagebucheinträge vollgepackt mit interessanten Details, die einen hautnah an der Forschung von Pyritz (der mittlerweile seine Doktortitel erhalten hat) teilhaben lässt.

Das Buch ist sehr gut geschrieben und auch für Laien problemlos lesbar, denn Pyritz ist nicht nur Biologe, sondern auch Wissenschaftsjournalist, der erzählen kann. Und auch optisch ist es ein Genuss, denn es ist garniert mit zahlreichen Bildern, die der Autor teilweise selbst aufgenommen hat. Herausgekommen ist daher ein buntes, informatives Werk, das nicht nur der abenteuerlustige Fernreisende lesen sollte.