Wer erwartet, in diesem Buch nur Anekdoten aus dem Leben eines weltberühmten Neurologen und Bestsellerautors erzählt zu bekommen, wird überrascht sein: Oliver Wolf Sacks porträtiert vor allem Chemikerinnen und Chemiker als Helden seiner Kindheit oder doziert über Elemente, Radioaktivität und Fotografie. Damit entpuppt sich das Werk eher als spannender Überblick über die Geschichte der Chemie; die rein autobiografischen Kapitel dagegen sind eher rar. Und dennoch gestattet das Buch erstaunlich persönliche Einblicke in Sacks? Kindheit und Jugend.

1933 in London zur Welt gekommen, wuchs Sacks in einer Großfamilie begeisterter Wissenschaftler auf. Geduldig beantworteten Eltern, Onkel und Tanten die Fragen des immer neugierigen Kindes und erklärten ihm die Wunder der Welt. Es hätte eine traumhafte Kindheit sein können. Doch kurz nach Olivers sechstem Geburtstag begann der Zweite Weltkrieg. ?Zur Sicherheit? wird er zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Michael aufs Land geschickt ? in ein Internat mit einem sadistischen Schulleiter, dessen Übergriffen die Kinder hilflos ausgeliefert sind. Traumatisiert kehren die Geschwister vier Jahre später in die zerbombte Stadt zurück. Um Abstand von seinem inzwischen psychisch erkrankten Bruder zu gewinnen, sucht Oliver Ablenkung und Zuflucht in Mustern, Zahlen ? und eben in der Chemie.

In einer alten Wäschekammer richten ihm die Eltern ein kleines Labor ein; sein Onkel Wolfram ? der Titelheld des Buches ? weihte ihn in die Welt der Metalle ein, sein Onkel Abe in die Spektroskopie. Stundenlang experimentiert Klein-Oliver nach Anleitung aus alten Büchern, sucht nach Gesetzmäßigkeiten in den Reaktionen der Elemente und berauscht sich an Farbspielen. Aus der Welt außerhalb der Chemie berichtet Sacks relativ wenig. Allenfalls erfahren wir etwas von der ehrwürdigen Bibliothek seines Vaters oder seinen Hausbesuchen als Arzt, auf die ihn der Sohn begleiten darf. Oder von Familienfesten, sterbenden Klavierlehrerinnen und missgebildeten Föten, die die Mutter ? auch sie ist Ärztin ? dem Elfjährigen als schonungslose Vorbereitung auf den ihm ebenfalls zugedachten Arztberuf mitbringt. Als Sacks vierzehn wird, leitet sie ihn an, im Anatomiesaal die Leiche eines gleichaltrigen Mädchens zu präparieren. Die Schrecken des Sezierens haben sein Leben geprägt, erinnert sich Sacks ? um gleich wieder zur Chemie zurück zu kehren.

Später interessiert er sich auch für Literatur und Meeresbiologie ? zum Glück für uns. Einige Seiten später spricht es nämlich dem einen oder anderen Leser wohl schon aus der Seele, wenn Sacks? Vater bei einem nicht enden wollenden Vortrag des Sohnes energisch ausruft: ?Schluss jetzt mit dem Thallium!? Kurz darauf ist das Buch leider schon zu Ende: Was nach der Vertreibung aus seinem Wäschekammer-Paradies geschah, und wie es dazu kam, dass Sacks das Denken und Fühlen des Menschen, sein Erinnerungsvermögen und Bewusstsein erforschte, das erzählt er nicht. Eigentlich schade.