Warum mögen so viele Menschen Fast Food, obwohl sie wissen, wie ungesund es ist? Die Gier nach Fettigem und Süßem ist ein Überbleibsel aus der Zeit, in der unseren Ahnen ständig Unterernährung drohte. Sie entstand während der Evolution als Anpassungsmechanismus, der die Menschen dazu brachte, möglichst gehaltvoll zu essen, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot – wodurch sie Mangelzeiten besser überstehen konnten, was wiederum ihren Fortpflanzungserfolg verbesserte. Heute jedoch beschert die Lust auf "Kalorienbomben" vielen Menschen Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und Krebs.

Ähnlich wie mit der Gier nach Fast Food verhält es sich auch mit dem Glauben, meint Psychiater J. Anderson Thomson. Er hält Religionen lediglich für übrig gebliebene Nebenprodukte bestimmter psychologischer Neigungen, die uns früher evolutionäre Vorteile sicherten.

Am Anfang seines Werks umreißt Thomson kurz und prägnant die Evolutionstheorie – und legt so den Grundstein für seine Erörterungen. Im Hauptteil geht er auf zahlreiche kognitive Mechanismen ein, die sich im Lauf der Stammesgeschichte als nützliche Bestandteile der menschlichen Psyche erwiesen haben. Ihr Zusammenwirken begünstigte nicht nur den Fortpflanzungserfolg unserer Vorfahren, sondern brachte auch Religiosität in verschiedenen Formen hervor – so die Auffassung des Autors.

Als die Menschen dazu übergingen, sich zu immer größeren, hierarchisch organisierten Gruppen zusammenzuschließen, sei ein starker Selektionsdruck entstanden. Er habe Verhaltensweisen begünstigt, die das gedeihliche Zusammenleben förderten. Eine wichtige Rolle dabei hätten kollektive Rituale gespielt, die den Menschen Hochgefühle verschafften – sei es durch Gesänge, Tänze oder Trancezustände –, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl stärkten und Konflikte zu bewältigen halfen. Als Rahmen für solche Rituale habe sich der Glaube an höhere Wesen angeboten, zumal er einen weiteren Vorteil mit sich brachte: Die Gemeinschaftsmitglieder waren aufgrund ihrer Furcht vor diesen übermächtigen Instanzen eher dazu bereit, gemeinsame, vermeintlich gottgegebene Regeln zu befolgen.

All diese Phänomene hätten dazu geführt, dass religiöse Gemeinschaften einen stärkeren inneren Zusammenhalt entwickelten als nicht-religiöse, was ihren Mitgliedern einen Selektionsvorteil verschaffte und zur flächendecken Verbreitung des Gottesglaubens führte. Doch was früher von Nutzen war, müsse es heute nicht mehr sein. Laut Thomson steht die Religiosität einem selbstbestimmten Leben im Zeichen der Aufklärung und des empirischen Erkenntnisgewinns zunehmend im Weg.

Solche Ansichten sind klar die eines Evolutionspsychologen. Am Ende seines kurzen Werks äußert die Autor die Hoffnung, dass wissenschaftliche Ansätze die Dogmen des Glaubens verdrängen mögen. Er spricht sich dafür aus, Schulfächer wie "evolutionäre kognitive Neurowissenschaft der Religion" einzuführen, um die Erziehung zum Glauben durch Empirie zu ersetzen.

Welch große Rolle der Glaube noch heute für zahllose Menschen spielt, darauf geht der Autor hingegen nicht weiter ein. Auch belegt er seine Rückblicke in die evolutionäre Vergangenheit zwar mit interessanten, anschaulichen Beispielen aus der Kognitions- und Sozialpsychologie, verliert dabei aber bisweilen den roten Faden aus dem Blick. Nichtsdestoweniger umreißt sein Werk knapp und insgesamt gelungen, wie die Neurowissenschaft das "Phänomen Glauben" zu erklären vermag. Wer mehr zum Thema wissen möchten, findet im Anhang Hinweise auf weiterführende Literatur.