Aderlass
© Aldobrandino of Siena: Li Livres dou Santé. Frankreich, spätes 13. Jahrhundert / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern1 Aderlass

Theorie schlägt hier eindeutig gesunden Menschenverstand: Dass Ärzte auf die Spitzenidee kamen, geschwächten Patienten literweise Blut abzulassen, ist der Säftelehre zu verdanken. Laut dieser antiken Theorie entstehen Krankheiten, wenn die vier Körpersäfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) aus dem Gleichgewicht geraten. Bei zahllosen Krankheiten war ein Zuviel an Blut die Ursache, also wurde zum Messer gegriffen – und Schwerkranken nicht selten der Todesstoß versetzt.

Bei Bedarf musste auch einer der anderen drei Säfte fließen. Dem psychisch kranken Friedrich Hölderlin wurden beispielsweise entzündliche Wunden an der Stirn beigebracht: Eiter fiel unter gelbe Galle, und davon hatte der Dichter laut Diagnose zu viel.

Quecksilber gegen Syphilis
© Bartholomäus Steber: A malafranczos morbo Gallorum praeservatio ac cura. Wien 1497-98 / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern2 Quecksilber gegen Syphilis
Antibiotika hätten gegen die früher weit verbreitete "Lustseuche" Syphilis bestens geholfen. Freilich waren die noch nicht verfügbar, also griffen Arzt und Patient zu Quecksilber. Das sollte überflüssigen "Schleim" beseitigen, und wenn sich die Patienten in Reaktion auf das giftige Metall heftig übergaben, bewies dies nur, dass die Behandlung anschlug. Eine sorgfältige innerliche und äußerliche Anwendung änderte praktisch nichts an der Krankheit, führte aber früher oder später zum Tod durch Schwermetallvergiftung. Doch auch ohne die Behandlung sah es nicht gut aus für die Erkrankten: Die Syphilis zeichnete sie für den Rest ihres Lebens durch Geschwüre und Narben, bei vielen löste sie im Spätstadium Demenz aus und führte zum Tod.
Trepanation
© tsaiproject / Trepanning / CC BY 2.0 CC BY
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern3 Trepanation
Ob das Loch im Kopf einen Ausgang ermöglichen sollte oder einen Eingang, ist ungewiss. Sicher ist nur: Es muss es einen Zweck gehabt haben, dass Menschen der Frühzeit immer wieder die Schädel ihrer Mitmenschen öffneten. Laut Wikipedia sind inzwischen über 450 dieser Trepanationen aus der Jungsteinzeit in Europa nachgewiesen. Bekannt sind sie weltweit. Und offenbar ist es gar nicht so schwierig, einem Menschen mit Feuersteinklingen ein Loch in den Kopf zu schneiden. In vielen Fällen verlief diese Operation nämlich so gut, dass der oder die Behandelte danach weiterlebte. Über ihren Hintergrund kann man in den meisten Fällen nur spekulieren. Sollten Kopfschmerzen oder Hirnverletzung behandelt werden? Oder waren es eher magisch-religiöse Praktiken? Man weiß es nicht.
Antimasturbationskorsett
© Appareils contre l'onanisme. Frankreich, 19. Jahrhundert / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern4 Antimasturbationskorsette
Nicht einmal eine Krankheit musste man haben, um mit zweifelhaften medizinischen Theorien und Heilpraktiken Bekanntschaft zu machen: Ab dem 18. Jahrhundert steigerten sich europäische Mediziner in eine Art Hysterie gegen die "Selbstbefleckung". Es drohten neben Liederlichkeit, Haarverlust oder Gehirnerweichung alle möglichen Gefahren. Strenge Erziehungsmaßnahmen (wie Strafgebete) und das Vermeiden enger Kleidung sollten helfen, hatten aber naturgemäß nicht immer den gewünschten Erfolg. Also zwängten einige fürsorglichen Eltern ihren Nachwuchs in ein Korsett, das die Berührung der Geschlechtsorgane unmöglich machte. Kostengünstiger, aber mindestens ebenso effektiv (für die Traumatisierung des Kindes) war es, dem Sohn oder der Tochter des Nachts die Hände zu fesseln.
Tabak-Klistier
© Lehrbuchzeichnung eines Tabakrauchklistiers. André Holenstein (Hrsg.): Berns goldene Zeit, 1776 / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern5 Tabak-Klistier

Bis noch vor Kurzem galt Tabak als gesund und nützlich bei größeren und kleineren Wehwehchen – auch denen des Darms. Und um den Heilqualm direkt an Ort und Stelle applizieren zu können, entwickelten Mediziner Systeme aus Verbrennungskammer und Blasebalg, die den Patienten eine Art rektales Rauchen ermöglichten. Helfen sollte dies beispielsweise gegen Darmparasiten oder Koliken.

Aber auch die allgemeinen Lebensgeister weckte der Tabakqualm, weshalb Tabakklistiere im 18. Jahrhundert zum Erste-Hilfe-Equipment bei der Rettung Schiffbrüchiger zählten: Wer bewusstlos aus dem Wasser gezogen wurde, dem wurde also erst einmal tüchtig eingeheizt – ob rektal, oral oder von beiden Seiten (sicher ist sicher), ist umstritten.

Cox’ Schaukel
© Joseph Mason Cox, 1811 / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern6 Cox' Schaukel
Die vom englischen Nervenarzt Joseph Mason Cox (1763-1818) erfundene Schaukel diente dazu, psychisch Kranke um die eigene Achse rotieren zu lassen. Cox' Apparat hatte gegenüber Vorgängermodellen den Vorteil, dass der Patient nach hinten geneigt im Sitz lag. Die Folgen waren Schwindel, Übelkeit und Erbrechen – und wohl auch gehörige Angst bei den Patienten vor einer Wiederholung der Prozedur. Das Verfahren sollte Patienten je nachdem kontrollierbar machen oder aber zugänglich für Argumente – ganz ähnlich wie vergleichbare zeitgenössische Methoden der Nervenheilkunde, die beispielsweise dem Waterboarding ähnelten.
Lobotomie
© George Washington University Gelman Library
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern7 Lobotomie

Ungeahnte Ausmaße nahm Mitte des 20. Jahrhunderts die Lobotomisierung psychisch Kranker an. Vor allem, nachdem der amerikanische Arzt Walter Freeman entdeckt hatte, wie sich der Schnitt ins Vorderhirn mit wenig Aufwand durchführen ließ: Er bohrte den Patienten einen Eispickel unterhalb des Lids am Augapfel vorbei in die Augenhöhle, durchstach den Schädelknochen und fuhrwerkte dann "nach Gefühl" mit der Klinge im Gehirn herum – und zwar so lange und gründlich, bis sein waches Opfer erste Ausfallerscheinungen zeigte. Zurück blieben leichte Hämatome am Auge und Patienten, die ihr weiteres Leben oft damit verbrachten, teilnahmslos die Wand anzustarren.

Ziel der Prozedur war es, diverse Störungen von Schizophrenie bis zur antisozialen Aufsässigkeit zu behandeln. Oder jedenfalls so weit abzumildern, dass die Patienten den Angehörigen oder Pflegekräften nicht mehr zur Last fielen. Mit seinem "Lobomobil", einem umgebauten Wohnmobil, fuhr Freeman durch die USA, um möglichst viele Patienten behandeln zu können. Er war aber nicht der Einzige. Insgesamt dürften im 20. Jahrhundert über 50 000 Menschen einer Lobotomie unterzogen worden sein, allein 3439 gingen auf Freemans Konto.

Auf dem Foto sieht man Howard Dully, der 1960 als Zwölfjähriger von Freeman behandelt wurde.