Klaus Tschira ist heute unerwartet verstorben. Der Mitbegründer des Softwarekonzerns SAP hatte sich seit 1995 in einer zweiten Karriere als Förderer der Wissenschaft und ihrer Kommunikation große Verdienste erworben. Finanziell, wie es für einen Stifter üblich ist, aber auch mit Herzblut. Wer ihn jemals nach Feierabend über lausige Vorträge von hoch angesehenen Forscherinnen und Forschern klagen gehört hat, die nicht in der Lage waren, ihre Arbeit ganz normalen Menschen auch nur im Ansatz zu erläutern, der spürte etwas von seiner Vision, der Wissenschaft den ihr angestammten Platz zu verschaffen: mitten in der Gesellschaft.

Als er 1995 die Klaus Tschira Stiftung gründete, eine der größten gemeinnützigen Organisationen Europas aus privaten Mitteln, schrieb er ihr von Beginn an nicht nur die Förderung der Wissenschaft, sondern auch die ihrer Verständigung ins Stammbuch. Mit dieser Fördersäule war die KTS eine unverwechselbare Größe in der deutschen Stiftungslandschaft – und ihrer Zeit voraus.

Ich durfte Klaus Tschira über die Jahre in vielen persönlichen Begegnungen näher kennen lernen. Das lag zunächst einmal an der regionalen Nähe, die ihm stets wichtiger war als der Glamour der weiten Welt. Die Tschira Stiftung hat ihren Sitz wie der Verlag Spektrum der Wissenschaft in Heidelberg. Das liegt aber ebenso an der inhaltlichen Nähe. Denn "Spektrum" macht vor allem in den Heften genau das, was Klaus Tschira in der Breite als unterentwickelt an Hochschulen und Instituten ansah: Die Forschenden selbst müssen ihre Arbeit verständlich machen können. Dieses ganz persönliche Credo des Stifters ist auch die Leitidee von "Spektrum" und "Scientific American".

Klaus Tschira
© Klaus Tschira Stiftung, Tim Wegner
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Wissenschaft, das war für Klaus Tschira vor allem das Ensemble der so genannten MINT-Fächer. Er war stolz darauf, selbst Physiker zu sein, und jeder Vertreter seines Fachs genoss bei ihm einen kleinen Sympathiebonus. Die Bedeutung der Natur- und Ingenieurwissenschaften in unserer Gesellschaft zu verankern, diese Idee prägt bis heute zahlreiche von Klaus Tschira persönlich mit aus der Taufe gehobene Projekte und Einrichtungen. Aus der Vielzahl möchte ich eine Hand voll hervorheben – eine nicht an der Größe der Vorhaben, sondern an meinen ganz persönlichen Sympathien orientierte, unvollständige Auswahl.

Klaus Tschira saß stets ein jungenhafter Schalk im Nacken. Unumwunden erzählte er jedem, wie er als Schüler von seinen Karlsruher Klassenkameraden "Planetenheini" gerufen wurde, weil er sich brennend für Astronomie und Naturforschung interessierte. Wohl auch aus dieser Erfahrung heraus setzte sein späteres Engagement für die Wissenschaftskommunikation bereits im Kindergarten an. So gründete er die Forscherstation, welche bereits viele Erzieher sowie Grundschulpädagogen fortbildete, um durch Experimente den Entdeckerdrang von Kindern zu wecken.

Die jährlich im Mannheimer Luisenpark stattfindenden "naturwissenschaftlichen Erlebnistage" unter der Überschrift Explore Science haben bis heute Hunderttausende von Schülern, Lehrern und Familien mit wissenschaftlichen Phänomenen und ihrer Erforschung vertraut gemacht. Gut vorstellbar, dass das Kind, das bis zuletzt in Klaus Tschira steckte, sich in diesem Biotop aus Staunen und Verstehen so richtig wohl fühlte.

Klaus Tschira baute gern: Ideen, Institutionen – und ganz konkret Gebäude. Etwa das spektakuläre Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, welches der Spiralgalaxie M51 nachempfunden ist. Oder – ganz aktuell – die "ESO Supernova" in Garching, die 2017 eröffnet werden soll. Wenn er sich mit den Architekten seines Vertrauens, dem Darmstädter Büro Bernhardt und Partner, über Pläne und Modelle beugte, konnte es gut sein, dass er einem entstehenden Gebäude noch seinen individuellen Stempel aufdrückte.

Persönlich lernte ich Herrn Tschira 2009 kennen. In dieser Zeit entstand die Idee, allen Bewerbern für seinen Klartext-Preis für verständliche Wissenschaft – rund 200 frisch promovierte Nachwuchswissenschaftler pro Jahr – ein Seminar in "verständlichem Schreiben" anzubieten. In diese zunächst eintägige, heute zweitägige Weiterbildung brachte ich meinen Erfahrungsschatz von "Spektrum der Wissenschaft" ein, wo die Redaktion seit Gründung 1978 weiß, welche Not Forscherinnen und Forscher leiden, wenn sie Laien in einem kurzen Artikel ihre Arbeit erklären sollen. Etwa ein Drittel jedes Jahrgangs nimmt dieses sehr praxisnahe Angebot an, so dass wir bis heute mehr als 300 junge Wissenschaftler mit dem kleinen Einmaleins der verständlichen Wissenschaft vertraut machen konnten.

Klaus Tschira erkannte, dass in dieser Idee weit mehr steckte, als nur kommunikationswillige Nachwuchsforscher mit einem Wissenschaftsredakteur kurzzuschließen. So entstand später die Idee, eine eigene Weiterbildungsinstitution auszugründen, welche Forschende aller Karrierestufen, ja idealerweise bereits Studierende, darin aus- und weiterbildet, sich mit den heute zur Verfügung stehenden medialen Mitteln Laien verständlich zu machen – um so in gute Dialoge eintreten zu können, und auch, um selbst hören zu lernen. Dabei war Klaus Tschira wichtig, diese sehr praktisch ausgerichtete Institution an einer Universität zu verankern, die ihrerseits die vielschichtigen Prozesse der Wissenschaftskommunikation erforscht. Mit dieser Strategie gründeten die Klaus Tschira Stiftung und das Karlsruher Institut für Technologie 2012 das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik), dessen Kooperationspartner von Beginn an der Verlag Spektrum der Wissenschaft war.

Auch wenn ihm Wertschätzung für Wissenschaft sehr am Herzen lag, war Klaus Tschira nicht darauf aus, die Gesellschaft aus allen Kanälen gleichsam mit Forschung zu beschallen. Marketing und eine überzogene Darstellung von Errungenschaften der Wissenschaft, wie sie regelmäßig zu lesen, zu hören und zu sehen sind, waren sein Ding nicht. Er wusste so auch um die besondere Rolle des Wissenschaftsjournalismus innerhalb der Wissenschaftskommunikation; unser letztes Gespräch vor wenigen Tagen drehte sich um diesen wichtigen Punkt. Von daher war es nur folgerichtig, dass Klaus Tschira die von den Akademien der Wissenschaften im vergangenen Jahr empfohlene Einführung eines Science Media Center zur Stärkung eines unabhängigen Wissenschaftsjournalismus zu seinem Anliegen machte. Leider wird er die Aufnahme der operativen Arbeit des SMC im kommenden Jahr nun nicht mehr selbst erleben.