Bereits in der ersten Hälfte der achtziger Jahre wurde erkannt, daß die Lyme-Borreliose in Europa die häufigste durch Gliederfüßer (Arthropoden) übertragene Infektionskrankheit ist. An ihre eingehende Erforschung – unter klinischen, diagnostischen und ökologischen Gesichtspunkten – gingen darum gleich mehrere unabhängige Arbeitsgruppen, darunter die von Klaus Hansen am dänischen Staatlichen Seruminstitut in Kopenhagen, Elisabeth Aberer von der Dermatologischen Klinik und Gerold Stanek am Hygieneinstitut in Wien, Eva Åsbrink am Karolinskainstitut in Stockholm (Schweden), Andre Aeschlimann und Lise Gern vom Zoologischen Institut der Universität Neuchatel (Schweiz) sowie Rudolf Ackermann von der Neurologischen Klinik in Köln, Peter Herzer von der Medizinischen Poliklinik in München, Vera Preac-Mursic und Bettina Willske am Max-von-Pettenkofer-Institut und der Dermatologe Klaus Weber in München.

Seit 1987/88 fördert das Bundesministerium für Forschung und Technologie im Rahmen des Schwerpunktprogrammes "Infektionskrankheiten" einen speziellen Forschungsverbund mit erheblichen Mitteln. Insbesondere die enge Kooperation und thematische Abstimmung zwischen unseren drei Laboratorien am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg und am Institut für Immunologie der Universität Heidelberg sowie an der Abteilung Angewandte Immunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg erbrachten in kürzester Zeit richtungsweisende Ansätze für eine verbesserte Diagnostik sowie Erkenntnisse, welche die Entwicklung eines Impfstoffes ermöglichten.

So haben wir von 1986 an verschiedene monoklonale Antikörper gegen Strukturen der Spirochäten hergestellt, darunter erstmals auch solche gegen europäische Borrelia-burgdorferi-Isolate (ein Isolat ist eine Art Reinkultur der Erreger eines einzigen Patienten; diese sind bei Lyme-Borreliose nur in geringer Konzentration im Körper vorhanden). Mit ihnen ließen sich immunologisch relevante Antigene des Erregers identifizieren und charakterisieren.

Ein Jahr später ist es uns gelungen, erstmals ein Tiermodell der Lyme-Borreliose in der Maus zu entwickeln: Spezielle Labormäuse ohne funktionsfähiges Immunsystem (sogenannte SCID-Mäuse) bekommen nach der Infektion klinische Symptome, wie sie bei Patienten zu beobachten sind (Wildmäuse erkranken hingegen nicht). Wie wir ferner nachgewiesen haben, eignet sich dieses tierische Modellsystem auch dazu, die Mechanismen der Krankheitsentstehung und eines vorbeugenden Schutzes gegen den Erreger zu untersuchen. Von 1988 an haben unsere Arbeitsgruppen Gene europäischer wie auch amerikanischer Erreger-Isolate kloniert und sie in Bakterien eingeschleust, um auf gentechnischem Wege reine Antigene zu gewinnen. Das erste dieser Produkte war das Flagellin, ein Bestandteil des Fortbewegungsorgans der Borrelien, gegen den sich in allen Stadien der Infektion Antikörper im Blut nachweisen lassen. Auf der Grundlage dieser und weiterer Substanzen soll nun ein besseres diagnostisches Instrumentarium geschaffen werden; insbesondere braucht man hochempfindliche Tests für den klinischen Routineeinsatz, um die Anwesenheit des Erregers nachzuweisen.

Das zweite Produkt war bereits das Oberflächenprotein OspA, das sich als vielversprechender Kandidat für einen Impfstoff erwies. Das von uns aus einem europäischen Borrelien-Stamm gewonnene und dann gentechnisch hergestellte Lipoprotein OspA (es trägt Fettkomponenten) befindet sich mittlerweile schon in der dritten Phase klinischer Erprobung – das heißt, es wird an einer größeren Gruppe besonders gefährdeter Personen wie Förstern und Waldarbeitern getestet.

Ferner haben wir seit 1989 mit molekulargenetischen Untersuchungen an einer Vielzahl von Erreger-Isolaten das Ausmaß der Variabilität innerhalb der Spezies bestimmt, sowohl im Erbgut (genotypisch) als auch im Erscheinungsbild individueller Proteine (phänotypisch). Aufgrund unserer Erkenntnisse haben wir eine Klassifizierung in verschiedene Subtypen vorgeschlagen. Inzwischen ist diese Einteilung weltweit anerkannt; sie geht zudem konform mit der in unabhängigen Studien ermittelten Klassifizierung dieser Borrelien in nun vier getrennte Arten: B. burgdorferi sensu stricto (im engen Sinne), B. garinii, B. afzelii und B. japonica. (Ob man hier von Arten oder nur von Unterarten sprechen sollte ist noch offen.)

Die ökologisch-epidemiologische Situation in Deutschland

Hauptüberträger für den Menschen in Deutschland und in Europa überhaupt ist die als Gemeiner Holzbock bekannte Zecke Ixodes ricinus (Bild). Andere Gliederfüßer wie Stechfliegen, Milben, Läuse oder Bremsen haben, wenn überhaupt, nur untergeordnete Bedeutung. Die wichtigsten Zwischenwirte für den Erreger in der Natur sind Kleinnager, insbesondere Mäuse; andere Säugerarten wie etwa Rotwild, Igel oder Hasen spielen in Europa kaum eine Rolle, ebensowenig Eidechsen. Vögel hingegen sind bedeutsam; sie verschleppen und verbreiten die Zecken in größerem Maße.

Für den Menschen besteht die größte Ansteckungsgefahr dort, wo der Anteil befallener Holzböcke sehr hoch ist, zum Beispiel in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Im süddeutschen Raum sind je nach Gebiet rund 10 bis 25 Prozent der Zecken infiziert, in der Umgebung von West-Berlin lediglich etwa 3 Prozent. Auch innerhalb des übrigen Europa gibt es große lokale Unterschiede; entsprechend variiert die Durchseuchung der Bevölkerung. Weil in Deutschland anders als in den USA keine Meldepflicht für die Lyme-Borreliose besteht, mangelt es an gesicherten Daten sowohl über die Anzahl jährlich neu auftretender Fälle als auch über den Prozentsatz der Infektionen, die in ein chronisches Stadium übergehen.

Ob die jeweiligen Symptome, die sich entwickeln, vom Phäno- oder vom Genotyp des Erregers abhängen ist derzeit noch unklar. Während in den USA im wesentlichen nur ein einziger Subtyp – nämlich B. burgdorferi sensu stricto – vorkommt, existieren in Europa wie erwähnt mehrere. Auch muß sich noch zeigen, ob der gegenwärtig entwickelte Impfstoff, der auf der Struktur eines einzigen Osp-A-Typs basiert, vor allen in Europa auftretenden Erreger-Varianten wirksam schützt.

Im übrigen ist die epidemiologische Erfassung der Lyme-Borreliose in der Bundesrepublik und in Europa überhaupt äußerst lückenhaft. Einschlägige Studien sind jedoch eine wesentliche Voraussetzung zum Verständnis dieser komplexen Infektionskrankheit und sollten deshalb verstärkt gefördert werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1994, Seite 54
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