Denken ohne Worte?
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Sprache sei das "bildende Organ der Gedanken", so formulierte es Anfang des 19. Jahrhunderts der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt (1767-1835). "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt", schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) etwa ein Jahrhundert später. Sie sahen die Sprache als Grundlage jedes Gedankens – ohne Sprache sei Denken unmöglich.

Dass das ganz so nicht sein kann, wissen wir aus dem Alltag. Wir können komplexe Aufgaben lösen, wie zum Beispiel ein Puzzle zusammensetzen oder – eine beliebte Aufgabe in IQ-Tests – Figuren im Kopf drehen, ohne Sprache zu gebrauchen. Auch Tiere sind zu erstaunlichen Denkleistungen in der Lage, ohne zu sprechen: Affen können beispielsweise lernen, die Länge von Strichen zu vergleichen oder Bilder wiederzuerkennen und per Knopfdruck zu antworten.

Und nicht nur das: Neue Erkenntnisse zeigen sogar, dass sie auch Angaben darüber machen können, wie sicher sie sich ihrer Aussagen sind. Sie können regelrechte Wetten darüber abschließen – wenn sie von sich überzeugt sind, setzen sie mehr Punkte, als wenn sie zweifeln. "Metakognition" nennen Wissenschaftler diese Fähigkeit, über das eigene Wissen zu reflektieren – eine Fähigkeit, von der man lange meinte, sie sei strikt sprachgebunden.

Das Denken ohne Sprache hat aber seine Grenzen. Um über komplexe Sachverhalte nachzudenken, benötigen wir ein Wissen, das wir ohne das gesprochene Wort nicht erlangen können. Wir brauchen eine Sprache, um Gedanken zu ordnen. Aber wie stark prägt diese Fähigkeit unser Denken? Können zum Beispiel Chinesen etwas ersinnen, was auf Deutsch undenkbar ist? Ob unterschiedliche Idiome unterschiedliche Gedanken erlauben, bleibt umstritten. Es gibt aber etliche Hinweise darauf, dass sprachliche Unterschiede zumindest einen kleinen Einfluss auf unseren Geist haben können.

Wie wir die Welt sehen, hängt teilweise von der Sprache ab – und das im wahrsten Sinn des Wortes: Es gibt etliche Sprachen, wie zum Beispiel Tarahumara, die nicht zwischen "Blau" und "Grün" unterscheiden. Ob wir für diese Farben ein oder zwei Wörter haben, so haben Wissenschaftler herausgefunden, beeinflusst unser subjektives Empfinden für die Ähnlichkeit von Farbschattierungen im grün-blauen Bereich.

Auch ein Konzept für geometrische Formen oder Zahlen scheint bis zu einem gewissen Grad sprachlich beeinflusst zu sein. Den Munduruku, eine indigenes Volk aus dem Amazonasgebiet, fehlen Begriffe für bestimmte geometrische Formen wie beispielsweise "parallel". Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Munduruku solche Konzepte dennoch entwickeln, sie aber etwas weniger treffsicher anwenden als Amerikaner.

Ein anderes Volk aus dem Amazonasgebiet, die Pirahã, verfügen nur über einen sehr eingeschränkten Wortschatz für Zahlen und können auch weniger gut zählen als unsereiner. Umstritten ist hier allerdings, was Ursache und was Wirkung ist. Können die Pirahã schlecht zählen, weil ihnen die Worte fehlen, oder ist es vielleicht andersherum – weil sie im Alltag selten zählen, benötigt ihre Sprache auch keine entsprechenden Ausdrücke?

Besser sind die Evidenzen dafür, dass Sprache unseren Orientierungssinn beeinflusst. Hier wurden genügend Bevölkerungsgruppen untersucht, so dass Unterschiede in der Lebensweise als Ursache für unterschiedliches Denken ausgeschlossen werden können. Es gibt Sprachen, zum Beispiel Guugu Yimithirr in Australien oder Tzeltal in Mexiko, die keine Begriffe für "rechts" oder "links" kennen. Als Bezugsrahmen für die Beschreibung der Position von Gegenständen dienen die Himmelsrichtungen – etwa: "Die Brille liegt nordöstlich vom Telefon." Oder: "Da ist eine Ameise auf deinem südlichen Fuß."

Denken Sprecher dieser Sprachen mit einem solchen absoluten Bezugssystem auch anders als wir? Oder beziehen sie sich nur sprachlich auf etwas, das wir zwar denken, aber nicht sagen? Schon allein die Tatsache, dass wir selten wissen, welcher unserer Füße gerade der "südliche" ist, lässt Ersteres vermuten. Und auch wissenschaftliche Untersuchungen, in denen Probanden vor sprachunabhängige Aufgaben gestellt wurden, zeigen: Sprecher von Guugu Yimithirr oder Tzeltal tragen – im Gegensatz zu uns – immer einen mentalen Kompass mit sich. Sie "begreifen" die Positionen von Gegenständen anders als wir.

Die Überlegung, dass Wortschatz und Struktur einer Sprache die Denkvorgänge ihrer Sprecher prägen könnten, beschäftigt nicht nur Sprachwissenschaftler und Kognitionsforscher, sondern auch Schriftsteller. In seinem Roman "1984" beschreibt George Orwell (1903-1950), wie in einem totalitären Überwachungsstaat vom herrschenden System eine künstliche Sprache – das so genannte "Neusprech" – vorgeschrieben wird. Der Wortschatz soll so reduziert werden, dass ein differenziertes Denken unmöglich wird. Die Bevölkerung kann niemals an Aufstand denken, weil ihr schlicht die Worte dazu fehlen. Ganz so weit ist es bis 1984 nicht gekommen und wird es wohl auch in Zukunft nicht. Sprache beeinflusst unser Denken, aber eben doch nicht in diesem Ausmaß.