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Krebs verstehen: Wenn die Arzt-Patienten-Beziehung gestört ist

Oft bemängeln Patienten, dass Ärzte zu wenig mit ihnen sprechen. Warum der Klinikalltag dafür selten Zeit lässt und Tipps, wie sich die Arzt-Patienten-Beziehung verbessern lässt, gibt die Ärztin Marisa Kurz.
Eine Ärztin ist in einem intensiven Gespräch mit einer Patientin.
Ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patient unwiederbringlich gestört, ist es ratsam, den Behandler zu wechseln (Symbolfoto).

Kolumne: »Krebs verstehen«

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung.

Was passiert dabei im Körper? Warum bekommen nur manche Menschen Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«. Denn wer informiert ist, kann selbstbestimmte Entscheidungen treffen.

Es ist nun fast zehn Jahre her, dass bei meiner Mutter ein bösartiger Tumor am Eileiter entdeckt wurde. Als sie deswegen im Krankenhaus behandelt wurde, hatte ich das Gefühl, dass sie aus medizinischer Sicht gut versorgt wird. Menschlich jedoch nicht. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte waren kaum präsent. Die wenigen Gespräche, die es gab, haben bei uns manchmal mehr Fragen aufgeworfen, als sie uns beantworteten. Heute bin ich selbst Ärztin und weiß leider aus eigener Erfahrung, warum sich damals so wenig Zeit für uns genommen wurde.

Kaum Zeit für Gespräche

Während meine Mutter in der Klinik war, haben wir die Ärzte oft nur wenige Minuten am Tag bei der Visite gesehen. Danach waren sie unauffindbar. Damals habe ich mich gefragt, was sie eigentlich den ganzen Tag machen. Heute weiß ich es besser: In meinem Arbeitsalltag bin ich zwar den ganzen Tag mit den Erkrankungen meiner Patientinnen und Patienten beschäftigt, jedoch nur wenig mit ihnen selbst. Die meiste Arbeit spielt sich im Hintergrund ab, denn ich ordne ihre Untersuchungen an, sichte und bewerte Befunde, bespreche Behandlungskonzepte mit meinen Kollegen und plane die weitere Therapie. Hinzu kommt ein Haufen Dokumentation, denn alle Behandlungsschritte müssen erfasst werden.

Wenn ich mal wieder in der Warteschleife einer Arztpraxis hänge und gleich darum bitten werde, dass sie mir bitte die Befunde eines Patienten zufaxen mögen, finde ich das absurd. Diese Zeit würde ich natürlich viel lieber nutzen, um mit dem Patienten zu sprechen, Fragen zu beantworten, seine Ängste zu nehmen oder einfach nur ein bisschen persönlich zu plaudern – doch ich habe keine Wahl. Die bittere Wahrheit über unser Gesundheitssystem ist, dass Ärzte viele Überstunden und wenig Pausen machen – und trotzdem zu wenig Zeit für ihre Patienten haben. Die Zeit kommt nicht dort an, wo sie sollte. Darunter leiden beide Seiten. In einigen Fällen ist der wirtschaftliche Druck so hoch, dass nur wenige Minuten für Patienten bleiben, weil etwa eine Praxis wirtschaftlich sonst nicht haltbar ist.

Wenn Erkrankte wenig persönliche Zeit mit ihren Behandlern haben, sind sie häufig enttäuscht und frustriert. Das habe ich selbst als Angehörige und auch schon als Ärztin erlebt. Manchmal entsteht dann eine destruktive Dynamik: Muss ein Patient beispielsweise lange warten und fühlt sich zu wenig gehört oder verstanden, tritt er dem Arzt gegenüber vorwurfsvoll auf, um seinem Ärger Luft zu machen. Dieser hat aber womöglich gerade eine Nachtschicht hinter sich, wenig gegessen, keine Sekunde Pause gemacht oder kürzlich einen Patienten reanimiert. Im schlimmsten Fall reagiert der Arzt dann defensiv und schafft es nicht, mit der notwendigen Empathie das Gespräch noch in eine konstruktive Bahn zu lenken.

Es wäre schön, wenn Ärzte perfekt wären – sie sind es aber nicht

Natürlich sollte jeder Arzt, egal wie überarbeitet er ist, egal, was er gerade erlebt hat, immer empathisch und verständnisvoll gegenüber seinen Patientinnen und Patienten sein. Das ist etwas, was ich auch Studenten in meinen Kursen mitgebe. Nicht nur bei der Behandlung, sondern auch im persönlichen Kontakt zu Patienten sollten wir unsere Maximalleistung abrufen. Denn gerade schwere Gespräche über Diagnosen oder den weiteren Therapieverlauf können einschneidende Erlebnisse im Leben eines Erkrankten sein. Für die Behandler ist es eines von vielen Gesprächen in seiner Laufbahn, der Patient aber wird diesen Moment wohl nie vergessen.

Doch auch Ärzte sind nur Menschen. Zum einen sind wir vom Klinikalltag gestresst und bringen deshalb manchmal nicht die nötige Geduld und Empathie auf, die Patienten eigentlich verdienen. Zum anderen fallen manchen Ärzten solche Gespräche einfach nicht so leicht wie anderen. Der eine Arzt ist vielleicht ein hervorragender Chirurg, der zweite ein brillanter Theoretiker, ein dritter zeichnet sich durch große kommunikative Fähigkeiten aus. Bei der Auswahl für das Medizinstudium und im Studium spielen zwischenmenschliche und ethische Kompetenzen zwar eine Rolle, sie sind im Gegensatz zu fachlichen Fertigkeiten aber klar untergeordnet. Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach, dass unser Gesundheitssystem viele Kolleginnen und Kollegen mit der Zeit abstumpft und sie zynisch werden lässt.

Wie Patienten bekommen, was sie brauchen

Doch wie können wir die Arzt-Patienten-Beziehung verbessern? In meinen Augen ist das zumindest in manchen Fällen möglich. Deshalb möchte ich Patienten hier Tipps geben, wie sie einfordern können, was sie benötigen.

Weil in der Klinik wenig Zeit für Gespräche ist, empfehle ich Erkrankten die Gelegenheiten für Gespräche mit Ärzten bestmöglich zu nutzen. Der geeignetste Moment hierfür ist die Visite. Es ist völlig normal, dass im Tagesverlauf immer wieder neue Fragen aufkommen. Manchen Patienten hilft es, diese aufzuschreiben und am nächsten Morgen gesammelt zu besprechen. Wenn die kurze Visite nicht ausreicht, um den Gesprächsbedarf zu decken, sollten Patienten das meiner Erfahrung nach unbedingt ansprechen und freundlich um einen Gesprächstermin bitten. Tatsächlich ist der Bedarf zu reden sehr unterschiedlich: Manche Menschen möchten gar nicht so viel über ihre Erkrankung wissen, andere haben sehr viele detaillierte Fragen. Ärzte können nur auf die Bedürfnisse von ihren Patienten eingehen, wenn sie sie kennen.

Abraten würde ich davon, Ärzte während des Tages im Arztzimmer oder auf Station anzusprechen, da sie in diesen Situationen meist mit anderen Tätigkeiten beschäftigt sind. Dann fühlen sich Patienten womöglich abgewiesen. Vereinbart man jedoch einen Termin, gibt man den Behandlern die Chance, sich die nötige Zeit zu nehmen und sich gut auf das Gespräch vorzubereiten. In der Regel ist der spätere Nachmittag für Gespräche geeignet. Außerdem kann es sinnvoll sein, Angehörige an den Gesprächen teilnehmen zu lassen. Manchmal wollen Verwandte oder Freunde mit Ärzten sprechen, wenn sie die Visite verpasst haben, in der womöglich schon ausführlich mit dem Patienten gesprochen wurde. Auch wenn ich diesen Wunsch menschlich nachvollziehen kann: In einem System, das ohnehin zu wenig Zeit für Gespräche lässt, ist leider noch weniger Zeit dafür, diese zweimal zu führen. Im Klinikalltag werden Patienten oft von unterschiedlichen Ärzten behandelt, was die Kommunikation noch weiter erschwert. In manchen Fällen kommen Patienten mit einem der zuständigen Ärzte besser aus als mit den anderen. Dann ist es natürlich sinnvoll, genau diesen Arzt um ein Gespräch zu bitten. In der Regel werden die Kollegen dann versuchen, das möglich zu machen. Abends, nachts und am Wochenende arbeiten die Kliniken jedoch in einer Notfallbesetzung, so dass häufig Ärzte von anderen Bereichen auf der Station arbeiten, die nicht in die Behandlungskonzepte involviert sind. Hier bitte nicht enttäuscht sein, wenn Fragen nicht ausführlich beantwortet werden können.

Auch ist es normal, dass in Kliniken viele jüngere Ärzte arbeiten. Da sie die meiste Zeit auf Station verbringen, wissen sie gut über die Patienten Bescheid. In Einzelfällen erlebe ich nicht nur, dass Patienten nicht so gerne von jüngeren Medizinern behandelt werden wollen, sondern womöglich auch nicht von Kollegen mit Migrationshintergrund und/oder weiblichen Ärzten. Es erklärt sich von selbst, dass eine gute Arzt-Patienten-Beziehung in solchen Fällen, bei denen es an gegenseitigem Respekt mangelt, nicht möglich ist.

Nur selten erlebe ich, dass Patienten uns eher wie Dienstleister behandeln, uns Anweisungen geben und klarmachen, dass sie der Meinung sind, besser über mögliche Behandlungen Bescheid zu wissen. Ich erinnere mich noch, wie ich von den Ärzten meiner Mutter frustriert war und auch ich ihnen das Gefühl gegeben habe, dass ich sie für unfähig halte.

Und daraus folgt der wichtigste und zugleich banalste Tipp, den ich geben kann: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Der medizinische Alltag kann für Patienten und Behandler zermürbend sein. Menschen, die freundlich, verständnisvoll und dankbar sind, erhellen meinen Tag. Meiner Erfahrung nach bekommen besonders diese Patienten viel zurück. Vor Kurzem hat sich eine Frau bei mir für meine Behandlung bedankt und mir gesagt, dass ich so weitermachen und mich nicht unterkriegen lassen soll. In dem Moment sind mir Tränen in die Augen geschossen, weil auch ich mich gesehen gefühlt habe. In unserer Gesellschaft beschweren wir uns manchmal schneller, als wir uns gegenseitig loben – eigentlich sollte es genau umgekehrt sein.

Leider lassen sich Arzt-Patienten-Beziehungen nicht in allen Fällen verbessern. Zum Leben gehört dazu, dass sich manche Menschen einfach nicht gut miteinander verstehen. Und manchmal hat man mit dem behandelnden Arzt einfach kein Glück. Wenn sich ein Patient nicht gut aufgehoben fühlt, seine Bedürfnisse angesprochen und kein Gehör gefunden hat, empfehle ich, den Behandler zu wechseln.

Meiner Erfahrung nach können die allermeisten Beziehungen aber gelingen, wenn beide Seiten investieren. Gelungene Beziehungen zu Patienten sind das, was mich am meisten in meinem Beruf erfüllt. Das ist, wofür ich diesen Job mache. Ich hatte noch nie Tränen in den Augen, als ich einen Laborwert, ein CT-Bild angesehen oder ein Fax erhalten habe. Wohl aber, wenn ich einem Patienten bei seiner Erkrankung menschlich beistehen konnte. Ich wünsche mir, dass unser Gesundheitssystem uns dafür mehr Raum gibt.

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