Der Klimawandel hat, wie wir der Meldung über das Aussterben der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (Melomys rubicola) entnehmen, die erste Säugetierart dahingerafft. Das letzte dieser australischen Beuteltiere verschwand vermutlich schon um 2009 herum, doch erst der Bericht der Regierung des Bundesstaats Queensland, der letzte Woche den wahrscheinlichen Untergang der Art und seine Ursache benannte – Meeresspiegelanstieg durch den Klimawandel –, machte weltweit Schlagzeilen.

Der Tod des letzten Individuums der letzten Population einer Säugetierart, und tatsächlich jeder Art, ist so endgültig wie traurig. Aber die verbreitete Berichterstattung in diesem Fall und die Welle der allgemeinen Sorge, die sie auslöste, zeigt, dass der Untergang von Melomys rubicola tiefere Beweggründe berührte. Arten verschwinden jeden Tag, ohne besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das letzte australische Säugetier, das vor der Mosaikschwanzratte ausstarb, war die Fledermaus Pipistrellus murrayi – praktisch ohne Berichterstattung.

Das Aussterben der Mosaikschwanzratte nehmen wir deswegen wahr, weil es mit der Idee aufräumt, der Klimawandel gefährde Arten erst in ferner Zukunft. Es zeigt, wie grundsätzlich problematisch die Weise ist, in der Gesellschaft und Medien über den Klimawandel denken und reden, insbesondere wenn es um Umweltschutz und Artensterben geht. Zu viele Menschen glauben, um den Klimawandel könnten wir uns später noch kümmern.

Langfristiges Denken führt in die Irre

Der Ursprung dieser Illusion ist einfach zu erkennen. Die Klimaforschung verwendet langfristige Prognosen mit Zeitskalen von zum Beispiel 50 bis 100 Jahren, und das hat gute Gründe. Es dauert eine ganze Weile, bis steigende Treibhausgaskonzentrationen auch das Klima selbst verändern. Weit vorauszuschauen bringt mehr Gewissheit – wir wissen dann, dass wir das Problem angehen müssen. In der Politik ist der langfristige Ausblick jedoch aus entgegengesetzten Gründen beliebt: Man kann trefflich die Ungewissheit in Details hervorheben und zum Handeln aufrufen, ohne selbst handeln zu müssen.

Diese langfristige Sichtweise ist heute auch die Basis, auf der die meisten Menschen die Effekte des Klimawandels auf Arten und Ökosysteme diskutieren. Doch wie wir am Beispiel von Melomys rubicola erkennen, sind diese Effekte schon heute zu spüren.

Das globale Klimasystem ist bereits ernsthaft angeschlagen. Die globale Durchschnittstemperatur ist ein Grad höher, als sie nach historischen Trends sein sollte. Überall auf der Erde sehen wir radikale Veränderungen in den Durchschnittstemperaturen, Regenfällen und dem Einsetzen der Jahreszeiten – dazu mehr und stärkere Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen. Es ist weithin akzeptiert, dass wir uns jenseits des natürlichen Klimazyklus bewegen und dass es Jahrhunderte dauern wird, das rückgängig zu machen. Selbst wenn Klimaschutzmaßnahmen sofort umgesetzt werden.

Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte
© Ian Bell, Department of Environment and Heritage Production
(Ausschnitt)
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Die Natur ist in der Schusslinie. Der Klimawandel erzeugt neue Bedrohungen und beschleunigt den Niedergang gefährdeter Arten. Eine ganze Aussterbelawine durch direkte Effekte des Klimawandels rollt auf uns zu: durch Temperatur-, Niederschlags- und Meeresspiegelveränderungen. Und das ist erst der Anfang. Der Klimawandel beeinflusst auch viele andere wesentliche Ursachen des Artensterbens, von denen zahlreiche vom Menschen ausgehen. Auch vom Klimawandel betroffene menschliche Gemeinschaften reagieren auf die Veränderungen und erhöhen dadurch den Druck auf bereits gefährdete Ökosysteme. Zum Beispiel breitet sich wegen günstigerer Niederschläge im Westteil des Ostafrikanischen Grabenbruchs und den Tälern des Kongobeckens die Landwirtschaft aus – und bedroht einige der vielfältigsten Ökosysteme Afrikas.

Apocalypse Now!

Wenn wir eine ernsthafte Chance haben wollen, die drohende Aussterbekrise abzuwenden, dann müssen wir nicht nur akzeptieren, dass der Klimawandel bereits in vollem Gange ist, sondern auch klar sagen, dass wir jetzt handeln müssen. Wir sollten das Aussterben von Melomys nicht als interessantes Faktum für ein Quiz oder als Prüfungsfrage fürs Biologiepraktikum behandeln, sondern als Lektion, die es dringend zu lernen gilt.

Die Art kam in ihrem Lebensraum nicht einmal mit dringenden menschlichen Bedürfnissen in Konflikt wie dem nach gutem Ackerland oder Baugrund. Ihre Heimat war eine unbewohnte Insel, die sie vor anderen Bedrohungen schützte. Man hätte viel unternehmen können, um die Population zu schützen, ohne je anderen Ansprüchen in die Quere zu kommen.

Australische Beuteltiere sind gut erforscht, und da die Bedürfnisse von der Mosaikschwanzratte ebenso gut bekannt waren wie die geringe Höhe der Insel über dem Ozean und die Tatsache, dass der Meeresspiegel an den Küsten Australiens steigt, hätte man von der Gefahr für das Tier wissen können. Doch praktisch nichts geschah. Es gab keinen Plan, die Population zu beobachten oder ein paar Tiere irgendwo anders anzusiedeln oder einen einfachen Deich zu bauen. Nichts geschah, weil man davon ausging, dass so etwas noch nicht passiert und man noch genug Zeit hat, das Problem zu lösen.

Das ist inakzeptabel. Wir brauchen einen grundlegend neuen Ansatz aller Beteiligten, den Klimawandel zu betrachten und über ihn zu reden – Wissenschaft, Medien, Politik und Umweltbewegung. Wenn wir über den Einfluss des Klimawandels auf die Biodiversität reden, müssen wir klarstellen, dass das Thema heute schon aktuell ist und dem man zusammen mit anderen Bedrohungen jetzt begegnen muss. Entscheidend ist dabei, zu erforschen, welche Arten kurzfristig vom Klimawandel bedroht sind, gefolgt von konkreten Plänen, ihnen beim Überleben zu helfen. Es wird nicht einfach. Doch damit die Natur eine Chance hat, müssen wir die Ängste der Zukunft nutzen, um der Realität der Gegenwart zu begegnen.