Herr Professor Singer, wozu braucht unsere Gesellschaft Tierversuche?
Wolf Singer: Viele Erkrankungen des Gehirns haben wir bis heute schlicht deshalb nicht unter Kontrolle, weil wir ihre Ursachen nicht kennen. Wenn wir verstehen wollen, wie Nervennetze funktionieren, müssen wir die Aktivität einzelner Nervenzellen erfassen, um deren Zusammenwirken zu analysieren. Methoden wie die Kernspintomografie, bei der Hirnaktivität indirekt gemessen wird, liefern nicht genügend Informationen, um etwa auf die Aktivität einzelner Nervenzellen zu schließen. So bleibt uns derzeit nur die Möglichkeit, die Forschung an Tiermodellen durchzuführen.
Folgen Sie dieser Argumentation, Herr Professor Rippe?
Klaus Peter Rippe: Aus der wissenschaftlichen Logik heraus mögen invasive Versuche notwendig sein. Allerdings beruht die Tierforschung auf einer Methodik, deren ethischer Unterbau noch aus dem 19. Jahrhundert stammt: Damals veröffentlichte der französische Physiologe Claude Bernard (1813-1878) ein einflussreiches Buch, in dem er von einer klaren Trennung zwischen Mensch und Tier ausgeht und beide ethisch verschiedenen Welten zuordnet. Dabei setzte er empirische Annahmen voraus, die gegen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der Hirnforschung sprechen. Erstere lehrt uns, dass es keine Artgrenzen gibt, sondern graduelle Unterschiede; die Zweite stellt die Willensfreiheit in Frage, eines der klassischen Merkmale, das den Menschen über das Tier hi­naushebt. Die Tierforschung mag ehrbare Ziele verfolgen, aber sie fußt auf Voraussetzungen, die ich nicht unterschreiben kann. Eine moralische Sonderstellung des Menschen lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Die Säulen, die diese Auffassung stützen, sind nicht mehr tragfähig …