Die Augen gehören zu unseren kompliziertesten Organen. Ähnlich einer Kamera fangen sie Licht ein und fokussieren es auf ihren Hintergrund. Dort gewinnt eine hoch spezialisierte Netzhaut daraus elektrische Signale. Mit Dutzenden verschiedener Nervenzelltypen verarbeitet dieses Häutchen die Information gleich an Ort und Stelle weiter und schickt das Ergebnis dann mit dem Sehnerv ins Gehirn, das daraus Bilder erzeugt.

Lange war schwer vorstellbar, wie eine derart ausgeklügelte Konstruktion überhaupt durch normale Evolution entstehen konnte. Bereits Charles Darwin machte sich hierüber in seinem Hauptwerk "Über den Ursprung der Arten", das 1859 erschien, ausführlich Gedanken. Die Antwort kannte er noch nicht. Kreationisten und Anhänger eines Intelligent Design halten das Auge sogar für ein Paradebeispiel des Schöpfungsakts. Darwin war allerdings davon überzeugt, dass es nach und nach aus irgendwelchen Vorstufen durch Selektionskräfte entstanden sein muss. Nur – welche Zwischenschritte mag es gegeben haben, über die sich allmählich die einzelnen Komponenten dieses Sehorgans herausbildeten und zusammenfanden, bis es schließlich seine heutigen Aufgaben erfüllte? Und vor allem mussten diese Zwischenstadien für ihre Besitzer schon nützlich gewesen sein.

Direkte Belege von der Evolution des Wirbeltierauges in Form von Fossilien lassen sich nach wie vor schwer beschaffen. Anders als Knochen versteinerten weiche Gewebe höchst selten – und falls doch, sind die Feinheiten meist so ungenügend erhalten, dass keine genauen Rückschlüsse auf die evolutionäre Herkunft möglich sind. Studien der Embryonalentwicklung, Artenvergleiche sowie morphologische und genetische Untersuchungen liefern neue Erkenntnisse. Diese Analysen erlauben jetzt tatsächlich einen Blick darauf, wie und wann sich die wichtigsten Strukturen unseres Auges in der Vorzeit wohl herausbildeten…