Damit hatten die Ärzte nicht gerechnet: Auf den Aufnahmen des Kernspintomografen konnten sie bei dem kleinen Mädchen statt der üblichen zwei Großhirnhälften nur eine ent­decken. An Stelle der rechten Hemisphäre war lediglich ein mit Gehirnflüssigkeit gefüllter Hohlraum zu sehen. Auch große Teile des rechten Zwischenhirns fehlen. Nur das Kleinhirn und das Stammhirn sind vollständig auf beiden Seiten vorhanden. Dennoch führt das Mädchen ein weit gehend normales Leben. Auf den ersten Blick weist nichts darauf hin, dass sie nur ein halbes Gehirn besitzt.
Für Wahrnehmungsforscher besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass das Mädchen auch normal sieht. Wie kann das sein – wo doch die linke und rechte Hälfte des Gesichtsfelds in der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte verarbeitet werden?
Die Entfernung einer Großhirnhemisphäre führt daher normalerweise zum Ausfall des ­gegenüberliegenden Teils des Gesichtsfelds. Ein solcher drastischer neurochirurgischer Eingriff ist beispielsweise bei schwersten Epilepsien nötig, wenn sich die Anfälle anders nicht mehr beherrschen lassen. Ohne linke Hirnhälfte beispielsweise können die Betroffenen nicht mehr erkennen, was in ihrem rechten Gesichtsfeld vor sich geht, obwohl ihre Augen intakt sind.
Um herauszufinden, warum dies bei dem Mädchen anders ist, kartierten die Frankfurter Hirnforscher Lars Muckli, Marcus Naumer und Wolf Singer zunächst per wahrnehmungspsychologischen Tests, wie viel Sehfähigkeit es genau besitzt. Zwar erwies sich dabei das linke Gesichtsfeld im Vergleich zum rechten als minimal eingeschränkt, dennoch kann das Mädchen hier wie dort erstaunlich gut sehen …