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Kommentar: Therapeutisch geklonte Kinder?

Künstlich erzeugte Eizellen sorgen für Zündstoff in der Diskussion ums therapeutische Klonen


Und wieder haben wir der Natur ein Stückchen mehr Macht entzogen: Embryonale Stammzellen einer Maus entwickeln sich in der Petrischale zu Eizellen (Science 300, S. 1251, 2003). Sollten sie sich als fruchtbar erweisen, wäre dies ein folgenschwerer Triumph: Denn wenn sich auch fruchtbare menschliche Eier züchten ließen, bedeutete das eine technische Hürde weniger für das therapeutische Klonen.

Der Forschungszweig ist auf gespendete Eizellen angewiesen. Beim therapeutischen Klonen wird die Erbsubstanz (die DNA) einer ausdifferenzierten Körperzelle in eine Eizelle eingeschleust, deren Kern zuvor entfernt wurde. Aus diesem künstlichen Gebilde entwickelt sich ein Embryo, dessen Erbgut mit demjenigen des DNA-Spenders identisch ist. Die Stammzellen des Embryos können zu jedem Zelltyp und im Prinzip auch zu Ersatzorganen herangezüchtet werden, die – so hofft man – vom Immunsystem des genetischen Zwillings nicht mehr abgestoßen werden. Das würde völlig neue Chancen für die Therapie schwerer Krankheiten eröffnen.

Um Eizellen spenden zu können, muss eine Frau ovulationsfördernde Medikamente schlucken und sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Dennoch stellen im Ausland viele Spenderinnen gegen Geld Keimzellen zur Verfügung. Könnten künstlich erzeugte Eizellen die natürlichen ersetzen, wäre das therapeutische Klonen zumindest vom Vorwurf des Handelns mit Keimzellen befreit.

Das ethische Problem wäre damit aber nur für diejenigen gelöst, die frühe Embryonen für nichts weiter als "aktivierte Eier" oder bloße Zellhäufchen halten. Für alle anderen verschärft sich die Diskussion, seit bekannt ist, dass therapeutisches Klonen im Prinzip auch zur Fortpflanzung eingesetzt werden kann. Ist die Technik erst ausgereift, steht zu erwarten, dass nicht nur die Zucht maßgeschneiderter Ersatzorgane als therapeutisch angesehen wird. Eine unfruchtbare Frau könnte "geheilt" werden, wenn in der Petrischale aus geklonten Stammzellen mit ihrer DNA fruchtbare Eier reifen, die sich besamen lassen. Wer würde da noch sagen, dass Unfruchtbarkeit nicht behandlungsbedürftig sei?

Die Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten fordert ein weltweites Verbot für reproduktives Klonen, also dem Austragen eines Klonembryos bis zur Geburtsreife. Therapeutisches Klonen hingegen findet bei immer mehr Wissenschaftlern und Politikern Zustimmung, obwohl der Embryo bei der Stammzellentnahme stirbt.

Allein der Gedanke, dass eine geklonte Kopie ihrer selbst existiert, ist für viele schrecklich. Falls der Klonembryo stirbt, damit aus einer Stammzelle eine "normale" Eizelle und schließlich ein Wunschkind werden kann – heiligt dann der Zweck das Klonen als Mittel?

Für eine unfruchtbare Frau hätte die künstliche Eizelle gegenüber dem Klonkind gleich mehrere Vorteile. Auch ihr Mann könnte seine Gene weitergeben und ihr selbst bliebe die Existenz einer Doppelgängerin erspart. Zudem könnte sie argumentieren, dass in etlichen Ländern auch bei der künstlichen Befruchtung überschüssige Embryonen verworfen werden.

Künstliche Eizellen könnten womöglich sogar homosexuellen Männern zu Nachwuchs verhelfen. Denn auch männliche embryonale Stammzellen haben das Potenzial, zu Eiern auszudifferenzieren. Das Kunstei könnte dann mit dem Samen eines anderen Mannes befruchtet werden.

Eines jedenfalls ist gewiss: Hat die Reproduktionsmaschinerie die technischen Hürden erst genommen, wird sie nicht mehr zu stoppen sein. Für ein nachträgliches Ändern der Spielregeln wäre es dann zu spät.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 80
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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