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Figurative Sprache

Nimm's nicht so wörtlich

Redewendungen, Metaphern und Ironie scheinen das Gehirn in besonderem Maß zu beschäftigen. Wie der Sprachpsychologe Dieter G. Hillert erklärt, wirken an ihrer Verarbeitung beide Hirnhälften mit.
Faustdick hinter den Ohren
Eine Mutter betritt das chaotische Zimmer ihrer Tochter und sagt: "Oh, das ist ja eine tolle Ordnung!" Worauf die Tochter spitz entgegnet: "Das kannst du laut sagen!" Da platzt der Mutter der Kragen. "Räum sofort auf! Hier ist wohl eine Herde Flusspferde durchgetrampelt oder wie?!"
In diesem erfundenen Dialog verwenden Mutter und Tochter bestimmte rhetorische Mittel, um ihre Emotionen zum Ausdruck bringen. Zunächst vermeidet die Mutter eine direkte Kritik und versucht, den sich anbahnenden Konflikt auf ironische Weise zu lösen. Die ebenfalls ironische Reaktion der Tochter zeigt ihr aber, dass sie damit nicht weiterkommt. Daraufhin benutzt sie eine Metapher, den bildhaften Vergleich mit einer Herde Flusspferde, um zu unterstreichen, wie wichtig ihr die Sache ist.
Wenn man solche Ausdrucksweisen, die im übertragenen Sinn gebraucht werden, allzu wörtlich nimmt, ist das oft sehr amüsant. Till Eulenspiegel, der berühmte Schalk aus dem Braunschweiger Land, hat seinen Mitmenschen damit immer wieder Streiche gespielt. So fragt er als Bäckergeselle einmal seinen Meister, was er bis zum nächsten Morgen backen solle. Der Bäcker ruft spöttisch aus: "Was pflegt man denn zu backen? Eulen oder Meerkatzen!" Eulenspiegel hält sich gewissenhaft an den Auftrag und formt aus dem Teig lauter Eulen und Meerkatzen – zum Entsetzen des Bäckers!
Die Geschichten vom Till Eulenspiegel zeigen, wie vieldeutig Sprache sein kann …
November 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist November 2011

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  • Quellen
Bottini, G. et al.: The Role of the Right Hemisphere in the Interpretation of Figurative Aspects of Language: A Positron Emission Tomography Activation Study. In: Brain 117, S. 1241-1253, 1994

Hillert, D. G., Buračas, G. T.: The Neural Substrates of Spoken Idiom Comprehension. In: Language and Cognitive Processes 24, S. 1370-1391, 2009

Huber-Okrainec, J. et al.: Idiom Comprehension Deficits in Relation to Corpus Callosum Agenesis and Hypoplasia in Children with Spina Bifida-Meningomyelocele. In: Brain and Language 93, S. 349-368, 2005

Michel, J.-B. et al.: Quantitative Analysis of Culture Using Millions of Digitized Books. In: Science 33, S. 176-182, 2011

Papagno, C. et al: Is the Right Hemisphere Involved in Idiom Comprehension? A Neuropsychological Study. In: Neuropsychology 20, S. 598-606, 2006