"Ach, du meine Güte, Markus, sind Sie aber erwachsen geworden!" Der jun­­­ge Mann ist verwirrt: Wer ist diese Frau, die ihn im Supermarkt so selbstverständlich anspricht wie eine alte Bekannte? "Wahrscheinlich erkennen Sie mich nicht", erklärt sie ihm nun: "Aber ich bin in der zweiten Klasse Ihre Schwimmlehrerin gewesen!" Markus ist verblüfft. Er kann sich kaum noch an den Fünf-Tage-Kurs erinnern, geschweige denn an die Lehrerin. Und die allermeisten von uns dürften wohl ähnlich erstaunt reagieren. Wenn Menschen älter werden, verändern sich ihre Gesichtszüge, der ein oder andere trägt jetzt vielleicht einen Bart oder eine ganz andere Frisur. In der Regel gelingt es uns daher höchstens bei Verwandten oder langjährigen Schulfreunden, die Gesichter auch noch nach längerer Zeit richtig zuzuordnen. Bei flüchtigeren Bekanntschaften aber fällt uns das schwer, oder wir schaffen es gar nicht.

Für so genannte Super-Recognizer dagegen sind ­derartige Situationen Alltag. Sie erkennen eine Person noch viele Jahre später, selbst wenn sie diese nur ein- oder zweimal kurz gesehen haben: die Verkäuferin in der Herrenabteilung, den Taxifahrer, die Freundin einer Freundin auf einer Party. Offenbar verarbeiten sie un­bekannte Gesichter so effizient, wie es anderen Menschen nur bei vertrauten Personen gelingt …