In der Antarktis herrscht gerade Hochsaison. Und zwar nicht nur für Touristen, sondern auch für Wissenschaftler. Schließlich ist die unwirtliche Region nur für wenige Wochen im Jahr per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Dann wird sie wieder vom Meereis umschlossen, und die Dunkelheit macht das Fliegen zu gefährlich. Da bleibt wenig Zeit, um Daten zu erheben, Proben zu sammeln und neue Puzzleteile für das Bild von der Eiswelt im tiefen Süden zusammenzutragen. Auf den Forschungsstationen ist der kurze Sommer zwischen Ende Dezember und Anfang März daher immer eine betriebsame Zeit. Für die Station Halley VI des British Antarctic Survey (BAS) aber gilt das in dieser Saison ganz besonders. Denn dort steht ein Umzug an – und zwar kein freiwilliger.

Südöstlich von Halley hat sich im Eis eine riesige Spalte aufgetan, die sich immer weiterfrisst. Aus Sicherheitsgründen muss die komplette Station daher um 23 Kilometer nach Osten verlegt werden. Kein Job für eine normale Spedition. "Das ist ein ziemlich anspruchsvolles Vorhaben", sagt Uwe Nixdorf vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Er leitet die Logistikabteilung des Instituts und gehört zu den internationalen Experten, die den BAS in Sachen Halley-Umzug beraten haben. Daher weiß er, wie viel Aufwand und Fachwissen in die Verlegungspläne geflossen sind: "Die Kollegen haben die ganze Aktion minutiös vorbereitet."

Schnee schippen in der Antarktis

Schließlich ist Halley eine wichtige Basis für die britische Antarktisforschung. Vom Klimawandel über die Vorgänge in der Atmosphäre bis hin zum Weltraumwetter untersuchen Wissenschaftler hier die verschiedensten Prozesse. Die Daten, die in den Vorgängerstationen seit 1956 erhobenen wurden, führten 1985 zur Entdeckung des Ozonlochs. Und die Europäische Weltraumorganisation ESA sammelt hier Erkenntnisse für längere Weltraumflüge: Wie können sich Menschen an ein Leben an entlegenen und isolierten Orten anpassen?

Vor dem Umzug
© British Antarctic Survey
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Die Antarktisstation vor dem Umzug, der für die Bewohner wohl nicht wirklich einen Tapetenwechsel bedeuten wird: Größere landschaftliche Veränderungen sind nicht zu erwarten.

Nirgendwo sonst lässt sich das so gut testen wie in der Antarktis. Denn isoliert ist man auf der Halley-Station zweifellos. Vor allem im Winter. Dann fallen die Temperaturen typischerweise unter minus 20 Grad Celsius, in Extremfällen haben die Thermometer auch schon minus 55 Grad gemessen. 105 Tage lang bleibt es rund um die Uhr dunkel. Und für die etwa 16 Bewohner, die hier ausharren und die Station am Laufen halten, ist der Kontakt zur Außenwelt nur über Satellit möglich. Die einzige Gesellschaft außer den Kollegen sind die Mitglieder einer nahe gelegenen Kaiserpinguinkolonie.

Doch die harschen Bedingungen der Antarktis sind nicht nur für die Menschen eine Herausforderung, sondern auch für die Station selbst. Es sind vor allem zwei Gegner, gegen die sich die Gebäude behaupten müssen: Unberechenbares Eis und driftender Schnee. Halley VI steht auf dem etwa 150 Meter dicken Brunt-Schelfeis. Das ist eine riesige, gefrorene Platte, die auf dem östlichen Weddellmeer schwimmt, aber noch mit den Gletschern an Land verbunden ist.

Solche Strukturen entstehen, weil der bis zu vier Kilometer dicke Eispanzer des antarktischen Kontinents durch die Schwerkraft gemächlich Richtung Küste fließt. Wenn das Eis dort ankommt, schiebt es sich wie ein schwimmender Ausläufer der Gletscher aufs Meer hinaus. "Es gibt in der Antarktis nur zwei Forschungsstationen, die auf einem derartigen Schelfeis gebaut wurden", sagt Uwe Nixdorf. Neben Halley ist das die vom AWI betriebene deutsche Station Neumayer III auf dem Ekström-Schelfeis im nordöstlichen Weddellmeer. Alle anderen Forschungseinrichtungen drängen sich entweder auf den wenigen eisfreien Felsregionen. Oder das Eis unter ihrem Fundament liegt zumindest auf festem Untergrund.

Karte des Umzugs
© British Antarctic Survey
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Eine Station auf dem Schelfeis zu bauen, hat durchaus seine Vorteile. So hat man es nicht allzu weit zur Küste, wo die Versorgungsschiffe anlegen können. Andererseits weht der häufig starke Wind in diesen Regionen viel Schnee an. Auf dem Brunt-Schelfeis kommen etwa 1,20 Meter pro Jahr zusammen, an der Neumayer-Station sind es 1,30 Meter. "Wenn man da eine Kiste hinstellt, ist die sehr schnell verschwunden", sagt Uwe Nixdorf. Und den Stationen selbst geht es nicht anders. Generationen von Polarforschern mussten sich damit abfinden, dass ihre Stützpunkte innerhalb von einigen Jahren vom Schnee begraben und zerdrückt wurden. Dann musste ein Neubau her, so dass inzwischen schon die sechste Version von Halley und die dritte von Neumayer in Betrieb ist.

Die Tücken des Schelfeises

Heutzutage wollen AWI und BAS ihre Stationen allerdings nicht mehr einfach den weißen Massen überlassen. "Dabei bleibt ja zumindest die Stahlkonstruktion im Eis zurück", sagt Uwe Nixdorf. Kein sonderlich moderner und umweltfreundlicher Ansatz. Also haben findige Konstrukteure nach Möglichkeiten gesucht, das Problem durch Technik zu lösen.

Die 2009 eröffnete Neumayer-III-Station hat daher nicht nur eine besondere Form, um die Schneeablagerungen zu reduzieren. Die 68 Meter lange, 24 Meter breite und 2300 Tonnen schwere Konstruktion steht auch auf 16 Stelzen etwa sechs Meter über der Schneeoberfläche. Jede dieser Stützen besitzt eine eigene Fundamentplatte und eine hydraulische Hebevorrichtung. "Damit lässt sich jedes einzelne Bein unabhängig von den anderen bewegen", erklärt Uwe Nixdorf. Wurde zu viel Schnee angeweht, wird die Station zunächst aus den weißen Massen angehoben. Anschließend werden die Stelzen einzeln eingefahren und man schaufelt Schnee darunter. So wächst die Station mit dem angewehten Schnee mit und bleibt über der Oberfläche.

Dank dieser Spezialkonstruktion soll Neumayer III möglichst lange nutzbar sein, 25 bis 30 Jahre sind das Ziel. Damit sich das erreichen lässt, mussten Experten vor dem Bau das Ekström-Schelfeis genau unter die Lupe nehmen, um einen geeigneten Standort zu finden. Schließlich hilft auch die beste Antischneetechnik nichts, wenn das fließende Eis die Station schon vor dem Ende ihrer Lebensdauer ins Meer geschleppt hat. Um etwa 157 Meter bewegt sich das Gebäude jedes Jahr Richtung Eiskante. Im Jahr 2034 wird es also etwa vier Kilometer nördlich der Stelle angekommen sein, an der es 2009 errichtet wurde. Und wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, wird es auch dort noch sicher stehen.

100-prozentig berechenbar verhält sich Schelfeis allerdings nicht. Wenn es sich bewegt und verformt, bilden sich darin immer wieder Risse und Spalten. "Oft brechen diese im Sommer auf und heilen dann im Winter wieder aus", erklärt Uwe Nixdorf. Aber nicht immer. Den auf den Namen Chasm 1 getauften Spalt in der Nähe der Halley-Station gibt es zum Beispiel schon seit Jahrzehnten. Doch etwa 35 Jahre lang veränderte er sich kaum. Trotzdem haben die Forscher das Eis in der Region genau im Auge behalten. Mit sieben GPS-Sensoren haben sie seine Bewegungen beobachtet, seine Spannungen und Verbiegungen verfolgt. So lässt sich unter anderem vorhersagen, wo am Rand der gefrorenen Platte vermutlich Eisberge abbrechen werden.

Im Jahr 2012 lieferten die Messwerte erste Anzeichen dafür, dass Chasm 1 wieder in Bewegung geraten war. Mit Radarmessungen haben BAS-Mitarbeiter diesen Befund dann überprüft. Kein Zweifel: Der Riss vergrößert sich. Mit einer Geschwindigkeit von 1,7 Kilometern pro Jahr wandert sein Ende immer weiter auf die landeinwärts von Halley gelegene Region zu. Die Spalte wird die Gebäude zwar nicht verschlingen. Doch sie könnte ein großes Stück vom Schelfeis abtrennen. Mitsamt der Station auf ihrem Rücken würde diese Scholle dann ins Weddellmeer davontreiben.

"So etwas kann an der Neumayer-Station wohl nicht passieren", ist Uwe Nixdorf überzeugt. Denn dort herrschen günstigere geografische Bedingungen, die im Eis zu anderen Fließgeschwindigkeiten und Kräfteverhältnissen führen. Die gefrorene Platte wird dadurch nicht so stark zerfetzt wie das Brunt-Schelfeis an seinem landseitigen Ende. Und wenn sie aufreißt, dann nicht auf der landwärts gelegenen Seite der Station, sondern weiter Richtung Meer. Auch wenn ein Stück abbricht, befinden sich die Gebäude also weiterhin auf dem mit dem Land verbundenen Teil der schwimmenden Tafel – und damit in Sicherheit. "Unser Schelfeis ist einfach gutmütiger als das, auf dem Halley VI steht", resümiert der AWI-Experte.

Labors auf Skiern

Dafür ist die britische Anlage allerdings auch besonders gut auf die Unberechenbarkeiten ihres Standorts eingerichtet. "Halley wurde speziell entworfen und gebaut, um bei Veränderungen im Eis verlegt werden zu können", sagt Tim Stockings vom BAS. Für einen solchen Umzug haben sich die Konstrukteure einiges einfallen lassen.

So besteht die Station aus acht einzelnen Modulen, die wie die Waggons eines Güterzuges aneinandergekoppelt sind. Bei Bedarf lassen sie sich voneinander trennen, so dass man jedes Teil einzeln an seinen neuen Bestimmungsort schaffen kann. Damit das möglichst reibungslos klappt, stehen die vier Beine jedes Segments auf Skiern. Man kann daher spezielle Kettenfahrzeuge vor das Modul spannen und es woanders hinschleppen. In ihrer neuen Position werden die einzelnen Teile dann zusammengekoppelt, bis die ganze Konstruktion wieder auf dem Eis steht wie eine große, blaue Raupe mit Wintersportambitionen.

Halley VI ist die erste Antarktisstation, die derartig mobil ist. Seit ihrem Bau im Jahr 2012 haben die Betreiber sie schon ab und zu aus dem angewehten Schnee gezogen. "Es hatte allerdings niemand damit gerechnet, dass sie eines Tages eine so weite Reise antreten müsste", sagt Uwe Nixdorf. Doch nun ist es soweit: Der Umzugskünstler steht vor seiner großen Bewährungsprobe.

Den neuen Standort haben die Fachleute vom BAS im vergangenen Südsommer Ende 2015 und Anfang 2016 ausgesucht – kein einfaches Unterfangen. Einerseits sollte die Stelle weit genug von Chasm 1 entfernt sein, andererseits aber auch in einem Gebiet mit möglichst wenig zerrissenem Eis liegen. Da schaut man lieber genau hin. Gefragt war dabei auch die Expertise von Uwe Nixdorf, der nicht nur Logistiker, sondern auch Glaziologe ist. Als Fachmann für Eis und Schnee fand er die Wahl der britischen Kollegen sehr überzeugend: "Die Entscheidung, die Station dorthin zu verlegen, konnte ich sehr gut nachvollziehen." Auch wenn der neue Standort 23 Kilometer entfernt liegt und die Reise dorthin je nach Wetter bis zu 15 Stunden dauern kann.

Haus auf Schiern
© British Antarctic Survey
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Dank der gleitfähigen Stützen können die einzelnen Module der Forschungsstation mit Schneeraupen gezogen werden.

Zum Gremium der Umzugsberater gehören aber nicht nur Eisforscher. Techniker haben ihr Wissen ebenso beigesteuert wie Notfallmanager oder Experten für den Kunststoff, aus dem die Außenhaut von Halley VI besteht. Im Vorfeld haben die Fachleute alle möglichen Szenarien und potenzielle Probleme durchgespielt. Wie viele Fahrzeuge braucht man zum Ziehen? Welche Route ist die beste? Was ist, wenn sich ein Modul nicht bewegen lässt? Oder wenn es unterwegs stecken bleibt?

Bisher sind den Umzugshelfern solche logistischen Albträume erspart geblieben. Zwei Module haben sie bereits erfolgreich an ihren neuen Standort verfrachtet, die übrigen sollen in den nächsten Wochen folgen. Den Zeitplan diktieren dabei die Elemente. "Das Eis und das Wetter sind unberechenbar", betont Tim Stockings. "Deshalb müssen wir flexibel sein." Schon wenn der Wind nur mit schwachen zehn Knoten über das Eis weht, gerät der lockere Schnee in Bewegung. Bei zwanzig Knoten, die gerade einmal der Windstärke fünf entsprechen, beginnt er zu driften und sich an bestimmten Stellen anzuhäufen. "Bei noch höheren Windgeschwindigkeiten ist oft so viel Schnee in der Luft, dass man nicht einmal seine ausgestreckte Hand erkennen kann", weiß Uwe Nixdorf aus eigener Erfahrung. Und solche widrigen Bedingungen halten auf dem Schelfeis auch gerne mal eine Woche an. An Umzugsoperationen ist dann nicht zu denken. "Die Antarktis kann schon eine sehr feindselige Umgebung sein", sagt Tim Stockings.

Trotzdem wollen er und seine Kollegen die Verlegung der Module noch in dieser Saison beenden. Der wissenschaftliche Betrieb soll derweil möglichst ohne größere Unterbrechungen weiterlaufen – zuerst in provisorischen Einrichtungen an der bisherigen Station, später am neuen Standort. Den kommenden Südwinter über wird Halley VI allerdings nicht besetzt sein. Denn etwa 17 Kilometer nördlich der Station ist ein neuer Riss entstanden, dessen Verhalten die Eisexperten noch nicht vorhersagen können. Und im Winter könnte man das Personal nur schwer abholen, wenn es nötig werden sollte. Also zieht der BAS seine Leute aus Sicherheitsgründen zwischen März und November ab. Im kommenden Südsommer soll Halley VI dann wieder voll betriebsfähig sein.

Ein paar Wochen Zeit bleiben in der aktuellen Saison ja noch. Bis Ende Februar, mit etwas Glück vielleicht sogar bis Mitte März, werden die Umzugshelfer noch arbeiten können. Wenn das Wetter mitspielt.