Spinnen bewegen sich schnell und unvorhersehbar – und können plötzlich, weil vorher unbemerkt, in der Nähe des Menschen auftauchen. Diese Verhaltensweise gilt als eine Erklärung, warum sich viele Menschen bis hin zur Arachnophobie vor den Achtbeinern fürchten. Untersucht werden müsste vielleicht noch, ob dabei Netzspinnen größere Beklemmung auslösen als ihre Verwandten, die am Boden jagen und deshalb mobiler sind. Dann hätte uns die Evolution jedenfalls eine Art Streich gespielt, denn erst der Umstieg auf die Bodenjagd hat die nachfolgende Explosion der Spinnenvielfalt ermöglicht. Das legt eine Stammbaumanalyse durch Nicole Garrison von der Auburn University und ihr Team nahe, die 70 Spezies aus den unterschiedlichsten Spinnenfamilien hinsichtlich der genetischen Verwandtschaft untersucht haben. Bislang galten die runde Fangnetze webenden Vertreter als die am weitesten entwickelte Spinnengruppe, doch die Phylogenese kehrt diese Ansicht um.

Tatsächlich spielen die Netzspinnen nur eine untergeordnete Rolle und stehen eher am Anfang der Entwicklung. Stattdessen nahm die Zahl der Arachnidenarten vor 100 Millionen Jahren stark zu, als sich die bodenlebenden Spezies immer wieder neu aufspalteten – darunter die Wolf-, Krabben- und Springspinnen. Sie alle stammen von einem einzelnen Zweig ab, bei denen die Männchen einen winzigen Haken an ihren beiden kurzen Frontbeinen aufweisen. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Paarung, allerdings nicht für die Evolution dieser Vielfalt, wie die Wissenschaftler betonen. Stattdessen nutzten die Achtbeiner die riesige Biomasse an bodenlebender Beute unterschiedlicher Größe, die sich zur gleichen Zeit während der Kreide entwickelt hat. Dabei boten sich mehr ökologische Nischen – Standort der Jagd, verschiedene Futterklassen von winzigen Milben bis zu Kleinsäugern oder Reptilien –, die von den Spinnen besetzt wurden. Dagegen können Radnetzspinnen auf Grund der oberen Belastungsgrenzen ihrer Netze nur Fluginsekten bis zu einer bestimmten Größe erbeuten.