Im Angesicht einer womöglich lebensgefährlichen Bedrohung greifen Tiere fast immer zu einer von drei Strategien: Sie flüchten, kämpfen oder verhalten sich möglichst still – Letzteres ist eine "Kopf-in-den-Sand"-Strategie, die vor allem Erfolg verspricht, wenn man gut getarnt oder gepanzert ist. Alle Strategien haben dabei Vor- und Nachteile, und schlecht fährt ein Organismus eigentlich nur, wenn er sich nicht entscheiden kann. Genau das scheint ein Problem der Narwale zu sein, meinen verblüffte Forscher nun nach der Auswertung von Verhaltensstudien und gesammelten Messdaten, die sie im Magazin "Science" vorstellen.

Denn offenbar versucht Monodon monoceros, der durch den Einhorn-Stoßzahn charakteristische arktische Zahnwal, bei Gefahr gleichzeitig schnell zu flüchten und sein Herz – wie bei einer Erstarrungsreaktion – stillstehen zu lassen. Das kann den Tieren kaum gut bekommen: Zuerst schon deshalb, weil sie eigentlich gar nicht schnell genug schwimmen können, um natürlichen Feinden wie den Orcas zu entkommen. Zudem verbrennt der ambitionierte, jedoch nicht viel versprechende Unterwassersprint aber große Mengen an Energie in einem Augenblick, in dem der Kreislauf heruntergefahren wird und sauerstoffreiches Blut unter Hochdruck nachliefern müsste. Dies belegen die Daten von kleinen Messgeräten, die sich zuvor an Delfinen bewiesen hatten: Die Forscher hatten sie an neun Narwalen angebracht, die sie aus Netzen befreit oder nach dem Stranden wieder ins Meer gezogen hatten.

Die Sensoren meldeten dann Daten etwa über den Herz- wie über den Flossenschlag der Tiere. Als spannend erwies sich vor allem die erste Zeit nach dem Freilassen der Tiere, in der sie sich in einer typischen Panikreaktion vom Ort des Geschehens wegbewegten – mit ungemein raschen Flossenschlägen in schnellem Tempo und mit deutlich reduziertem Herzschlag. Dadurch geriet ihre Physiologie unter enormen Stress. Womöglich sind Narwale nicht für derartige Belastungen gebaut. Das könnte unter anderem erklären, warum die in freier Wildbahn angetroffenen Tiere sich gegenüber Störungen besonders anfällig zeigen, spekulieren die Forscher.

Vielleicht, so Terrie Williams von der University of California in Santa Cruz weiter, verstehe man aber auch einfach noch zu wenig von der doch recht einzigartigen Physiologie der Wale, der im Ernstfall auch einmal gelingt, was beim Menschen ein Sprint mit angehaltenem Atem wäre. Schon bei normalen Tauchphasen schlägt das Narwal-Herz nur etwa 10- bis 20-mal pro Minute – während es selbst in Ruhezeiten an der Oberfläche 60 Schläge sind. Allerdings beschleunigt sich der Herzschlag dann auch, sobald das in der Tiefe jagende Tier einen Zwischenspurt einlegt. Ebendieses Hochfahren des Kreislaufs scheint ein panisch flüchtendes Tier schlicht zu vergessen. Womöglich ist die Natur der Narwale einfach nicht auf Extremsituationen eingerichtet, weil sie im Lebensraum des schützenden ewigen Eises schlicht selten sind. In ein unausweichliches Schicksal kann der Narwal sich ja ohnehin nur fügen.