Entlang der Straßen im Norden des Nationalparks im argentinischen Patagonien bietet sich immer öfter ein früher ungewohnter Anblick: Stachelig und in vollem Saft reihen sich dort unzählige exotische Disteln in die karge Steppenlandschaft ein. Ökologen sehen die purpurn blühenden Gewächse äußerst ungern. Sind sie doch Invasoren aus dem Mittelmeer, die nach und nach auch den amerikanischen Kontinent bezwingen und nun die einheimische Pflanzenwelt bedrohen.

Disteln neben einem Bau der Blattschneiderameise
© Alejandro G. Farji-Brener
(Ausschnitt)
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Zwei Pflanzenarten sind bei ihrem Eroberungsfeldzug besonders erfolgreich: Die Eselsdistel Onopordum acanthium und die so genannte Nickende Distel Carduus nutans. Ihre Stärke erlangen sie jedoch nur dank einer ungewöhnlichen Strategie, wie Alejandro Farji-Brener und Luciana Ghermandi von der Universidad National del Comahue im argentinischen Bariloche nun entdeckten [1]. Die Korbblütler siedeln nämlich besonders erfolgreich dort, wo sich auch die Blattschneiderameisen Acromyrmex lobicornis niedergelassen haben.

Blätter für den Pilzgarten

Blattschneiderameise
© Cameron Currie
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Die Insekten leben in bis zu einem Meter tiefen Nestern, in denen sie sorgsam große Pilzgärten anlegen, die ihnen als alleinige Nahrung dienen. Schon bei der Gründung eines neuen Nestes trägt die Ameisenkönigin etwas von dem kostbaren Gut zwischen ihren Kiefern mit sich, um es später sorgsam zu kultivieren. Als Nahrungsgrundlage dient dem Pilz dabei ein Bett aus klein geschnipselten Blättern, dem die Ameisen ihren Namen verdanken. Abfälle, verdorbenes Material oder auch unwillkommene parasitäre Gäste werden regelmäßig nach draußen befördert und auf mehreren Müllhaufen entsorgt.

Genau diese Haufen machen sich nun die exotischen Disteln zu Nutze. In der Nähe der Ameisenhinterlassenschaften sind sie bis zu sechs Mal häufiger vertreten als in anderen Gegenden, ergab eine Untersuchung von über 300 Pflanzen. Zudem waren die Disteln nahe der Komposthalden bis zu zehn Mal kräftiger, hatten mehr Blüten und entsprechend mehr Samen als ihre Artgenossen, die fernab von Ameisenkolonien angesiedelt waren.

Gartenkompost als Düngemittel

Kopf einer Blattschneiderameise
© Eugenia Okonski, Smithsonian Institution
(Ausschnitt)
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Farji-Brener und Ghermandi führen diesen enormen Wachstumsvorteil auf die nährstoffreichen Komposthalden der Blattschneiderameisen zurück, welche die Disteln erfolgreich anzapfen. Die exotischen Eindringlinge profitieren so auf ihrem Feldzug in biologisches Neuland indirekt von einer symbiotischen Gemeinschaft, die sich bereits seit über 50 Millionen Jahren bewährt hat. Denn genau zu dieser Zeit begannen die tierischen Gärtner mit der Kultivierung erster Pilzgärten, die sich dann im Laufe der Zeit ausdifferenzierten. Dies ermittelten Ted Schulz und Seán Brady von der Smithsonian Institution in Washington in einer Analyse der Stammesgeschichte von Blattschneiderameisen der Gattungen Acromyrmex und Atta [2].

Demnach entwickelten sich im Laufe der Jahrmillionen bislang fünf bekannte Varianten der Pilzgärten, die alle von einer ersten, noch relativ primitiven Gartenpflege abstammen, die im frühen Eozän in den Wäldern Südamerikas entstand. Bei dieser auch heute noch existierenden Frühform des Pilzgartens war der gehegte Pilz noch autark – er konnte auch ohne die Pflege der Ameisen leben. Spätere Züchtungen jedoch, die aus diesem ersten Typ entstanden, sind auf die Sorge der Blattschneiderameisen angewiesen.

Nutzen der Reinlichkeit

Dies liegt unter anderem an einem Parasiten namens Escovopsis, der sich gerne in den Pilzgärten breit macht und den die Ameisen mühevoll immer wieder aussortieren oder mit Hilfe von bakteriellen Untermietern, die sie in ihrer Haut beherbergen, in Schach halten. Ohne diese Kontrolle gingen die Pilzgärten schnell zugrunde. Darum achten die Insekten so sorgfältig darauf, Unrat aus ihren Gärten zu entfernen und auf Komposthaufen zu schichten. Denn nur eine reinliche Umgebung sorgt dafür, dass die Pilzgärten der Blattschneiderameisen gesund bleiben – und damit auch das Ameisenvolk selbst.

Kopf einer Blattschneiderameise
© Eugenia Okonski, Smithsonian Institution
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Die Disteln zumindest dürften dem Parasiten einiges an Dank schulden. Denn Pflanzen, die in den Abfallhaufen der Blattschneiderameisen wachsen, haben von den umtriebigen Gärtnern kaum Schwierigkeiten zu erwarten: Die Insekten zerschneiden zwar für ihre Pilzzucht viele Blätter in der Umgebung ihres Baus, die Pflanzen auf ihren Komposthaufen lassen sie aber weitgehend in Ruhe. Die argentinischen Forscher vermuten, dass sie so vermeiden, bereits aussortierte Giftstoffe wieder in den Bau zurück zu schleppen.

Wenn es nach den Wünschen von Alejandro Farji-Brener und Luciana Ghermandi geht, wird das Nutznießertum der Disteln allerdings nicht mehr allzu lange andauern. Sie plädieren dafür, Disteln in der Nähe von Blattschneiderameisen-Nestern gezielt den Garaus zu machen. So ließe sich ein unerwünschtes Vordringen der Exoten in die geschützten Naturreservate Patagoniens zumindest eingrenzen – und die nährstoffreiche Erde um die Ameisenbauten herum käme wieder einheimischen Pflanzen zu Gute.