Was nützt die schönste Wildnis, wenn keiner reinkommt und keiner raus? Was nützt zum Beispiel die riesige ursprüngliche Landschaft des Yellowstone-Nationalparks, wenn Grizzlybären, Elche, Hirsche und Wölfe darin gefangen sind, weil ihnen Straßen, Zäune und Siedlungen den Weg versperren? Gar nichts! Zu dieser Überzeugung kam jedenfalls der amerikanische Naturschützer Harvey Locke und gründete 1997 mit einigen Mitstreitern die Initiative Y2Y. Die griffige Abkürzung steht für Yellowstone to Yukon. Die Vision: Der älteste Nationalpark der Welt (Yellowstone) soll über einen Wildniskorridor wieder mit den großen, menschenleeren Schutzgebieten im Yukon-Territorium im Norden Kanadas verbunden werden. Die Tiere sollen so die Chance haben, halbwegs ungestört von einer Wildnisinsel zur anderen zu wandern. Dadurch können sie Inzucht vermeiden und sind besser für die Folgen des Klimawandels gewappnet: Wird es in einem Gebiet zu warm, sitzen die Tiere nicht mehr fest, sondern können in kühlere Regionen ausweichen.

In Deutschland gibt es – ein paar Nummern kleiner und mit nicht ganz so griffigem Namen – ein ähnlich visionäres Projekt: Seit 2007 laufen im Süden Berlins die Planungen für den Ökologischen Korridor Südbrandenburg. Die Rahmenbedingungen lassen sich zwar nur bedingt vergleichen, trotzdem gibt es Übereinstimmungen: "Seit dem Jahr 2000 gehören uns mehr als 12 000 Hektar Land auf ehemaligen Truppenübungsplätzen bei Jüterbog, Heidehof und Lieberose, die wichtiger Lebensraum für Rothirsche, Wölfe, Rehe, Fischotter, Biber und viele andere Arten sind", sagt Hans Joachim Mader von der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die das Projekt initiiert hat.

Die Wildnisinseln sind umgeben von einem Meer von Städten, Siedlungen, Autobahnen, Bundes-, Land- und Kreisstraßen, Eisenbahntrassen, von wald- und landwirtschaftlichen Monokulturen, das es gerade anspruchsvollen Arten fast unmöglich macht, die kostbaren Gebiete von außerhalb zu erreichen.

Vorsicht Elch!
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Über die vorhandenen Verbindungswege sind sogar schon einige Elche nach Deutschland gewandert. Und auch wenn für Elchwarnschilder wie dieses in Russland hier noch selten Bedarf ist, stellen Autobahnen und Bundesstraßen für unvorsichtige Wildtiere und Autofahrer doch eine Gefahr dar: So wurden etwa seit ihrem Wiederauftauchen im Jahr 2000 in Deutschland mehr als 50 Wölfe überfahren, die meisten an Autobahnen und die Hälfte davon allein in Brandenburg. Die Zahl der überfahrenen Rehe, Wildschweine, Hasen, Füchse und Igel geht hier zu Lande jedes Jahr in die Hunderttausende.

Gewandert wird trotzdem. Besonders spürbar ist das seit der Jahrtausendwende: "Die Wölfe haben sich von Polen her genau über die Route in Deutschland ausgebreitet, an der unsere Flächen liegen. Jetzt kommen einige Elche, in Zukunft vielleicht Luchse. Langfristig wollen wir erreichen, dass sie und andere Arten wieder ungefährdet im gesamten Gebiet umherstreifen können", sagt Mader.

Übersaarlandgroße Korridore

Dafür muss erst einmal die Route gefunden werden, auf der die Tiere am leichtesten an allen Hindernissen vorbei von A nach B gelangen können. Weil zwischen den Wildnisgebieten der Stiftung noch fünf Naturparks und das Biosphärenreservat Spreewald liegen, ist das im südlichen Brandenburg etwas leichter als in anderen Regionen. Schließlich wurden zwei viel versprechende Korridore festgelegt, einer für Arten des Waldes wie Rothirsch und Reh und einer für Arten, die Wasser brauchen, wie der Fischotter. Die Korridore überschneiden sich zum Teil. Trotzdem bleibt die Fläche, um die es geht, gewaltig groß: Der Korridor Wald umfasst 3700 Quadratkilometer, der Korridor Wasser 2700 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Das Saarland ist nur 2600 Quadratkilometer groß.

In dieser riesigen Fläche müssen die wesentlichen Hindernisse benannt und nach Möglichkeit beseitigt werden. Vereinfacht gesagt gibt es zwei Arten von Barrieren: Schluchten und Wüsten. Autobahnen und andere große Straßen sind wie Schluchten, die die Landschaft zerteilen. Endlose Felder und monotone Kiefernwälder sind für viele Arten wie Wüsten – ein lebensfeindliches Umfeld, durch die man es nie lebendig hindurchschafft. Eine Möglichkeit, die Wüste doch durchlässig zu machen, ist das Anlegen kleiner Ruhezonen, so genannter Trittsteinbiotope – ähnlich wie Oasen. Wenn in den eintönigen Feldern und Wäldern wenigstens hin und wieder kleinere und größere Feuchtbiotope, Bauminseln oder Hecken zu finden sind, schaffen es auch mehr Tiere Trittstein für Trittstein von einem Wildnisgebiet ins andere.

Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lieberose hat die Stiftung bereits mehrere kleine Moore wiederbelebt, die jetzt wichtige Ruhezonen für Fischotter, Biber, Seeadler und andere Arten bilden. In Absprache mit Förstern werden in den Kiefernmonokulturen kleine Mischwaldoasen angelegt. Außerdem sind zwei Mitstreiter des Projekts dabei, ihre eigenen Flächen im Sinn der Tiere aufzuwerten. Für weitere Trittsteine fehlt derzeit das Land – und das Geld, um es zu kaufen. Ziemlich viel Geld: "Die Preise sind in den letzten Jahren extrem gestiegen. Für unsere ersten Flächen haben wir 2,5 Cent pro Quadratmeter bezahlt. Jetzt wird der Quadratmeter für mehr als 30 Cent gehandelt", sagt Hans-Joachim Mader.

Naturbrücken über die Autobahnschlucht

Die größten Fortschritte bei der Vernetzung von Wildnisgebieten gibt es ausgerechnet bei den Autobahnen, den schlimmsten Hindernissen von allen. Stark frequentierte Straßen mit mehr als 10 000 Autos pro Tag sind zu laut, zu grell, zu unnatürlich, als dass ein Tier ein Überqueren wagen würde – und meistens auch noch eingezäunt. Studien haben gezeigt, dass sie für fast alle Arten unüberwindlich sind. Wer es trotzdem versucht, gerät oft unter die Räder: Seit ihrem Wiederauftauchen im Jahr 2000 wurden mehr als 50 Wölfe überfahren, die meisten an Autobahnen und die Hälfte davon allein in Brandenburg. Die Zahl der überfahrenen Rehe, Wildschweine, Hasen, Füchse und Igel in Deutschland geht jedes Jahr in die Hunderttausende.

Weil die direkte Route über die Fahrbahn versperrt ist, der Bewegungsdrang der Tiere aber unvermindert besteht, müssen sie andere Wege finden, um auf die andere Seite zu kommen. Wildbrücken zum Beispiel: Aufwändige Bauwerke nur für Tiere. Mit einer Breite bis zu 50 Metern – mit Gräsern, Büschen und Bäumen bepflanzt – simulieren sie so gut es geht ein natürliches Habitat, trotz der rasenden Autos darunter. Mit Mitteln des Konjunkturpakets II und auf Initiative der Stiftung hin wurden 2012 zwei Grünbrücken im Projektgebiet gebaut. Zwei weitere liegen ebenfalls in der Region beziehungsweise in unmittelbarer Umgebung.

"Bestehende Unter- und Überführungen werden von den Tieren viel intensiver genutzt, als wir vermutet hatten" (Hans-Joachim Mader)

Neben den Grünbrücken gibt es an den Autobahnen noch Hunderte Forstbrücken, Tunnel, landwirtschaftliche Überwege, Unterführungen und Durchlässe. "Wir wollten wissen, ob diese Bauwerke auch von den Tieren genutzt werden", sagt Hans-Joachim Mader. Das in Deutschland größte durchgeführte Monitoring mit Fotofallen und Spurensuche an Grünbrücken und ausgewählten "normalen" Brücken lieferte erstaunliche Ergebnisse: "Bestehende Unter- und Überführungen werden von den Tieren viel intensiver genutzt, als wir vermutet hatten", sagt Mader. Manche Arten scheuen selbst vor asphaltierten Straßenbrücken über die Autobahn nicht zurück. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede: Von den größeren Tieren sind Reh und Wolf die opportunistischsten. Rehe laufen nicht nur über Grünbrücken, sondern sehr gerne auch am Rand eines Gewässers oder einer Straße unter der Autobahn durch. Bei Wölfen ist es genauso, nur dass sie schmale Brücken über die Autobahn kleineren Unterführungen am Wasser vorziehen.

Rothirsche dagegen tappten (genau wie Damwild und Schwarzwild) ausschließlich auf den Grünbrücken in die Fotofalle. Für sie sind diese also tatsächlich die einzige Möglichkeit, eine Autobahn zu überqueren, und damit unerlässlich. Auch Fischotter sind scheu und anspruchsvoll. Sie unterqueren die breiten Straßen ausschließlich am Rand eines Gewässers. Und auch das nur, wenn sie nicht schwimmen müssen, sondern trockenen Fußes auf die andere Seite gelangen können.

"Mit den Ergebnissen der Studie können wir jetzt erstmals genau belegen, was als Querungshilfe funktioniert und was nicht", sagt Mader. Eine weitere wichtige Erkenntnis: Auch mit wenig Geld lässt sich die Landschaft für die Tiere barrierefrei gestalten. Ein Bachufer kann im Brückenbereich leicht mit einem künstlichen Uferstreifen (einer so genannten Berme) nachgerüstet werden, die nachweisbar von Fischottern angenommen wird. Durchlässe, die grundsätzlich von Dachsen, Mardern und Fischottern genutzt werden, können durch eine Kies- und Sandschicht noch deutlich attraktiver werden. Bei Wegen, die über oder unter der Autobahn entlangführen, hilft es, einen Teil des Asphalts durch Erde zu ersetzen.

Günstiger renovierter Altbau

Dass sich der Umbau eines bestehenden Bauwerks lohnt, zeigt sich an einer schmalen Brücke bei Barzig im Südosten Brandenburgs. 1998 wurde der ehemalige Wirtschaftsweg zur Wildbrücke umgebaut, mit Sichtblenden, dem Auftragen von Erde sowie dem Pflanzen von Hecken und Baumreihen, die die Tiere bis an die Brücke heranführen. Rund eine Million Euro wurde dafür ausgegeben. Eine neue, bis zu 50 Meter breite Wildbrücke kostet dagegen im Durchschnitt etwa fünf Millionen Euro. Trotz ihrer ungünstigen Maße – mit einer Breite von nur acht Metern ist sie sehr schmal – wird die Barziger Brücke genauso gut angenommen wie die anderen untersuchten Grünbrücken.

"Dank der neuen Erkenntnisse können wir gezielt die Wandermöglichkeiten für einzelne Arten verbessern", betont Hans-Joachim Mader. Für die Aufwertung von Brücken und Unterführungen muss auch kein zusätzliches Land gekauft werden; der Umbau kann also relativ schnell erfolgen. 2017 soll mit der Umsetzung begonnen werden, der Landesbetrieb für Straßenwesen hat bereits seine Zustimmung signalisiert. Bis die Tiere tatsächlich ohne Hindernisse frei zwischen Polen und Sachsen-Anhalt wandern können, wird es trotzdem noch viele Jahre dauern – falls das ehrgeizige Vorhaben sich überhaupt vollständig umsetzen lässt. Doch der Weg ist das Ziel: in diesem Fall jeder Weg, den die Tiere zusätzlich nutzen können.