Erstmals hat die OECD die Lese-, Rechen- und Problemlösekompetenzen von 16- bis 65-jährigen Jugendlichen und Erwachsenen in 24 Industrieländern überprüft und nun die Ergebnisse vorgestellt. Gefragt war neben der Lese- und Rechenkompetenz (wie in der PISA-Studie für 15-Jährige) auch technologiebasiertes Problemlösen: "die Kompetenz, digitale Technologien, Kommunikationshilfen und Netzwerke erfolgreich für die Suche, Vermittlung und Interpretation von Informationen zu nutzen". In der Bundesrepublik nahmen insgesamt 5400 Menschen an der Studie teil, deren Ergebnisse wohl viele Bildungspolitiker als nicht ganz zufriedenstellend betrachten dürften.

Bei der Lesekompetenz beispielsweise liegen Erwachsene hier zu Lande mit durchschnittlich 270 Punkten unter dem OECD-Mittel von 273 Punkten und damit weit hinter den Spitzenreitern aus Japan (296 Punkte) und Finnland (288 Punkte); am anderen Ende der Skala rangieren Italien (250 Punkte) und Spanien (252 Punkte). Österreich liegt mit 269 Punkten etwa gleichauf mit Deutschland. Am stärksten weichen die Werte dabei im Viertel der Leistungsschwächsten ab: Hier liegt der Abstand zum OECD-Mittelwert bei sechs Punkten, doch auch bei den Leistungsstärksten hinken deutsche Erwachsene hinterher. Außerdem deutet sich eine Generationsfrage an, denn die jüngste Altersklasse erzielt höhere Werte als ältere Generationen.

Etwas besser schneidet die Bundesrepublik bei den alltagsmathematischen Kompetenzen ab, wo sich der Mittelwert der Befragten leicht oberhalb des OECD-weiten Schnitts eingependelt hat (272 verglichen mit 269 Punkten). Auch hier schneiden Japan und Finnland wieder am besten, Italien und Spanien hingegen am schlechtesten ab (Österreich: 275 Punkte). Im untersten Kompetenzbereich weichen die hiesigen Werte nicht ab, im oberen Leistungsbereich übertreffen die Studienteilnehmer hingegen sogar den Durchschnitt um fünf Punkte.

Die Ermittlung der technologiebasierten Problemlösungskompetenz war eine internationale Option; außerdem wurde sie ausschließlich am Computer erhoben – wer sich dem verweigerte oder gar keine Computerkenntnisse besaß, wurde dementsprechend nicht bewertet. Folglich ergaben sich daraus auch keine Punktmittelwerte, sondern die Bevölkerung wurde anteilsmäßig in den drei Kompetenzstufen erfasst. In dieser Kategorie ging es beispielsweise darum, wie man mit einer Computermaus umgeht oder wie man Informationen im Internet finden kann. Immerhin 81 Prozent der deutschen Teilnehmer ließen sich derart kategorisieren, fünf Prozent mehr als im OECD-Mittel. Insgesamt verfügten aber nur sieben Prozent der Deutschen über eine hohe, 29 Prozent über eine mittlere und 45 Prozent über eine geringe Kompetenz, wenn es um Computerfähigkeiten geht (die restlichen 19 Prozent entfallen auf Menschen, die in diesem Bereich gar nicht teilnehmen konnten oder wollten). Am besten schnitten Schweden, Finnland und die Niederlande ab, wo jeweils mehr als 40 Prozent der befragten Menschen mittlere oder hohe Kompetenz aufwiesen. Am anderen Ende der Skala rangierten Polen (19 Prozent) und Irland (25 Prozent). Frankreich, Italien, Spanien und Zypern fragten diesen Bereich nicht ab.

Eine Frage des Schulabschlusses

Durch die Bank schnitten in allen Ländern jene Menschen besser ab, die einen hohen Bildungsabschluss hatten: In Deutschland beispielsweise erreichten Hochschulabsolventen einen um 75 Punkte besseren Wert bei der Lesekompetenz als Hauptschüler – das entspricht eineinhalb Kompetenzstufen. Wer sich nach der Hauptschule jedoch noch weiterbildet, etwa durch eine Lehre oder die mittlere Reife, steigert seine Lese- und Mathematikleistungen. Am schlechtesten schneiden Personen ohne Schulabschluss und Ausbildung ab. Ihre Ergebnisse seien Besorgnis erregend, so die beteiligten Forscher: "Über die Hälfte dieser Personen erreicht maximal die Kompetenzstufe I und ist also lediglich in der Lage, sehr einfache, elementare Aufgaben zu bewältigen." Das verschlechtere ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt dramatisch und führe dazu, dass sie sich auch nicht auf diesem Weg verbessern könnten – ein Teufelskreis. Und wie bei Kindern gilt auch bei den Erwachsenen, dass das Kompetenzniveau selbst in diesem Alter noch stark vom ursprünglichen Bildungsniveau im Elternhaus abhängt.

In fast allen Ländern schneiden zudem Migranten durchschnittlich schlechter ab als Personen ohne Einwanderungsgeschichte. Allerdings ist der Unterschied in Deutschland nur halb so groß wie die Differenz zwischen den einzelnen Bildungsniveaus allgemein. In klassischen Einwanderungsländern wie Australien oder Kanada sind die Abweichungen geringer als in Deutschland, Österreich oder Frankreich, was die Autoren der Studie auch auf die Einwanderungspolitik der jeweiligen Länder zurückführen: Kanada beispielsweise geht sehr rigide bei der Immigration vor und wählt nach einem Punktesystem die Kandidaten, die am besten ausgebildet sind. Prinzipiell weisen zudem in den meisten Ländern ältere Erwachsene schlechtere Werte auf als jüngere, Männer und Frauen unterscheiden sich hingegen praktisch nicht.

Die ermittelten Kompetenzdifferenzen schlagen sich gerade auch in Deutschland stark in den Chancen am Arbeitsmarkt nieder: "In nahezu allen PIAAC-Teilnehmerländern und so auch in Deutschland besitzen 25- bis 54-jährige Erwerbstätige im Mittel höhere Grundkompetenzen als Erwerbslose und Nichterwerbspersonen. In Deutschland sind diese Differenzen mit 23 beziehungsweise 24 Punkten in der Lesekompetenz und 35 beziehungsweise 36 Punkten in der alltagsmathematischen Kompetenz etwas stärker ausgeprägt als im OECD-Durchschnitt." In Japan liegen die Unterschiede dagegen bei lediglich 3 respektive 12 Punkten.

Ein erstaunliches Ergebnis ist auch der Anteil der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik, der für die jeweilige Arbeitsstelle eigentlich überqualifiziert ist: Er beträgt 23 Prozent und ist doppelt so hoch wie der Anteil der Unterqualifizierten. Hier werden Potenziale unzureichend genutzt, so die Studie. Wenig überrascht hingegen, dass sich eine höhere Kompetenzstufe in höheren Gehältern niederschlägt: Ein Zuwachs der Lesekompetenz um 50 Punkte geht mit einem um zehn Prozent höheren Stundenlohn einher.

Zusammengefasst zeige die PIAAC-Studie viele Parallelen zur PISA-Studie. "Dies deutet (…) darauf hin, dass die hier und mit PISA 2000 identifizierten Probleme nicht erst im Schulsystem der 1990er Jahre entstanden sind, sondern vielmehr das deutsche Bildungssystem schon längerfristig kennzeichnen", so die Autoren. Immerhin deute sich in den Ergebnissen der jüngsten PIAAC-Teilnehmer wie auch der PISA-2009-Probanden ein positiver Trend an, schreiben die Forscher. Wer allerdings im deutschen Schulsystem durch die Maschen rutscht und keinen Abschluss erzielt, schafft es auch später kaum mehr, diese Defizite auszugleichen – und das schlägt sich direkt in den Chancen auf dem Arbeitsmarkt nieder.