Die Weltöffentlichkeit reitet derzeit wieder den aufsteigenden Ast der Panikkurve – monatelang weithin ignoriert, ist Ebola nun überall. Eine strenge Mahnung von US-Präsident Obama war nötig, um die absurd drakonischen Quarantänemaßnahmen gegen eine aus Westafrika zurückgekehrte Krankenschwester in New York zu beenden. Die unbedachte Maßnahme ist nicht nur nutzlos, sondern richtet sogar Schaden an. Damit ist die Episode typisch für eine bisher wenig diskutierte Gefahr: Zunehmender globaler Realitätsverlust droht, die Reaktion auf zukünftige Krisen zu untergraben.

Die Neigung von Medien, Politik und Bevölkerung, unabhängig vom Handlungsbedarf einem wellenartigen Aufmerksamkeitszyklus zu folgen, ist allzu menschlich. Aber je enger das globale Dorf zusammenrückt, desto gefährlicher wird diese Tendenz, zumal PR und Wunschdenken immer effektiver darin werden, eine zur jeweiligen Agenda passende Parallelrealität zu entwerfen. Gleichzeitig verringert die Vernetzung der Welt den Spielraum für Fehler – auch das zeigt die Ebolaepidemie.

Dass sich Diskussionen und Beschlüsse von der Realität abkoppeln, ist nicht neu – das vielleicht dienstälteste Beispiel für diese Form von Realitätsverlust sind europäischen Fischereiquoten. Diese Fangbeschränkungen sollen Fischbestände schützen und vor allem ihre nachhaltige Nutzung sicherstellen. Stattdessen haben die viel zu hohen Quoten einen Fischbestand nach dem anderen zusammenbrechen lassen, trotz jahrelanger Expertenwarnungen.

Bemerkenswert ist auch die Situation in der Klimapolitik: Zwar scheinen sich inzwischen die meisten Institutionen darüber einig zu sein, dass es tatsächlich ein Problem gibt – aber auch hier zeigen sich die Lösungsversuche erstaunlich abgekoppelt vom System, das es zu manipulieren gilt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Politik und Gesellschaft generell der Sinn dafür verloren geht, dass hinter wissenschaftlichen Aussagen eine tatsächlich stattfindende Realität steht.

Daran sind Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation nicht ganz unschuldig: Zu oft gelingt es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen nicht, die Bedeutung von Ergebnissen und die ihnen innewohnenden Unsicherheiten angemessen darzustellen. Dass es kein wirkliches System gibt, den Geltungsbereich wissenschaftlicher Erkenntnisse zu kommunizieren, und deswegen Wissenschaft oft als widersprüchlich und unklar wahrgenommen wird, ist ein Teil des Problems.

Lars Fischer
© Heide Prange
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Aber es ist gerade der Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnis, wo Gesellschaft und Politik immer häufiger und immer offensiver mit maßgeschneiderten Wirklichkeiten jonglieren, die kaum noch in der kritischen Betrachtung der Welt verankert sind. Der magere Fortschritt bei den alljährlichen internationalen Klimagipfeln zeigt mindestens so deutlich wie die teils bizarren Fangquotenverhandlungen in der Fischerei, dass die physische Realität der Systeme, über dessen Zustand dort verhandelt wird, für das Ergebnis letztendlich sekundär sind.

Neu ist das wie gesagt nicht. Aber wie lange können wir uns das noch leisten? Nicht mehr lange. Die mal in diese, mal in jene Richtung irrlichternde Reaktion auf die westafrikanische Ebolakrise lässt nichts Gutes ahnen – nicht für den weiteren Verlauf der Ebolabekämpfung, und schon gar nicht für zukünftige Krisen, die womöglich schnelleres und entschlosseneres Handeln erfordern.