Er war einer der größten Tsunamis der letzten Jahrzehnte: Eine bis zu 90 Meter hohe Welle zerstörte in den Abendstunden des 17. Juni 2017 die Siedlung Nuugaatsiaq an der grönländischen Westküste und tötete vier Menschen. Der Ursprung der Woge gab zunächst Rätsel auf, doch dann identifizierte die dänische Küstenwache den vermutlichen Auslöser. Ein Felssturz von einem Steilhang etwa 20 Kilometer von dem Ort entfernt.

Der Vorfall in einer der entlegensten Regionen der Welt ist nach Ansicht von Fachleuten ein Vorgeschmack auf die Zukunft – der Klimawandel destabilisiert Bergflanken im hohen Norden und macht gigantische Erdrutsche wahrscheinlicher. Welche Dimensionen das annehmen kann, zeigen Aufnahmen aus Grönland. Etwa 300 Meter breit und einen Kilometer lang sei die Narbe, die das in den Fjord stürzende Gestein im Berg hinterlassen habe, berichteten die Kundschafter vor Ort.

Dass Erdrutsche am Ufer Tsunamis hervorbringen, kommt gar nicht so selten vor – erst am 19. Juli erzeugte herabstürzendes Gestein einen Tsunami an der kolumbianischen Küste. Doch die größten solchen Wellen entstehen in der Arktis, dort, wo die Gletscher tiefe Fjorde ins Land gefräst haben und wegen des kalten Klimas weder Vegetation noch Verwitterung das steile Relief seither abmilderten. In solchen Situationen entstehen die größten bekannten Tsunamis – so zum Beispiel die mit 520 Metern höchste bisher dokumentierte Welle in der Lituya Bay in Alaska.

Hohe Welle, wenig Reichweite

Solche Ereignisse, wie auch ein etwa 300 Meter hoher Tsunami ebenfalls in Alaska 2015, unterscheiden sich allerdings grundsätzlich von den niedrigeren, aber weit zerstörerischeren Tsunamis, die von Seebeben ausgelöst werden. Wellen nach Felsstürzen erreichen enorme Höhen, verlieren ihre Energie jedoch schon nach wenigen Kilometern, statt ganze Ozeane zu durchqueren.

Deswegen und weil die Polargebiete so dünn besiedelt sind, ist der Tsunami von Nuugaatsiaq mit vier Toten und einer verwüsteten Siedlung bisher ein Sonderfall unter den arktischen Erdrutsch-Tsunamis. Selbst hunderte Meter hohe Wellen zerstören meist kaum mehr als einen baumbestandenen Berghang – bisher jedenfalls.

Fachleute befürchten allerdings, dass die Schäden durch solche Tsunamis in Zukunft häufiger werden. Denn der Klimawandel macht viele bisher hart gefrorene Bergflanken instabil. Die Arktis erwärmt sich derzeit stärker als jede andere Region des Planeten, die Bergflanken tauen ab – und die Erosion holt nach, was das Eis jahrtausendelang verhinderte. Auch die Gletscher selbst stützen die Wände der von ihnen ausgehöhlten Täler. Ziehen sie sich zurück, kann das Gestein abrutschen. Allein in Alaska werden diverse große Erdrutsche in den letzten paar Jahren diesen beiden Klimaeffekten angelastet.

Der Lockruf der Rohstoffe

Doch das Gefahrenpotenzial steigt nicht nur, weil es mehr Erdrutsche gibt und häufigere Tsunamis auch eine höhere Chance haben, eine der spärlichen Ortschaften zu treffen. Das größere Problem ist, dass der Mensch immer weiter in die Gefahrengebiete vordringt. Mit dem Verschwinden des Meereises in der Arktis wird der bisher bestenfalls von Eisbrechern befahrene Nordozean für die Schifffahrt und vor allem die Jagd nach Ressourcen zugänglich.

Klimaschutz hin oder her – zu verlockend ist die Aussicht auf Öl, Gas und andere Rohstoffe, die das Eis lange menschlichem Zugriff entzogen hatte. Norwegen gab im Juni 2017 insgesamt 93 Regionen in der Barentssee für die Suche nach Öl frei – wohl nur der Anfang eines Zustroms von Menschen und Infrastruktur in die Arktis. Die womöglich verhängnisvollste Anziehung allerdings geht von der Kombination aus Eis und Fels selbst aus: Schon jetzt ankern Kreuzfahrtschiffe regelmäßig in den von Erdrutschen bedrohten Fjorden von Alaska – und auch die offizielle Tourismus-Website von Grönland wirbt offensiv für Fahrten entlang der Fjordküsten.