Hintergrund | 09.03.2012 | Drucken | Teilen

Schädlingsbekämpfung

Gentechnik im Blindflug?

Forscher bekämpfen Schadinsekten, indem sie genetisch veränderte Artgenossen in die Umwelt entlassen. Kritiker halten die bisherigen Versuche für zu wenig transparent und fordern verbesserte Genehmigungsverfahren.

Wenn heute gentechnisch manipulierte Organismen in der Landwirtschaft oder der Medizin zum Einsatz kommen, trägt man meist dafür Sorge, dass sie sich möglichst nicht mit unveränderten Artgenossen vermischen. In einem anderen Anwendungsgebiet jedoch ist genau das Sinn der Sache: Wissenschaftler bekämpfen Schädlinge und Krankheitsüberträger, indem sie deren Populationen von Artgenossen mit gewünschten Eigenschaften überschwemmen lassen – und sie so gezielt verändern. Verwendete man dazu bisher lediglich physikalisch sterilisierte Organismen, stehen nun immer mehr auch gezielt genetisch veränderte Tiere im Fokus der Forschung.

Dadurch entstehen völlig neue Herausforderungen für die Biosicherheit. Denn die Risiken zu minimieren, indem man die neuen Organismen so weit wie möglich isoliert, ist in diesem Fall nicht möglich. Die neue Eigenschaft in der Wildpopulation zu etablieren, ist hier nicht der zu vermeidende Unfall, sondern von vornherein Sinn der Sache. Nun ist unter Wissenschaftlern die Debatte entbrannt, ob die bisherigen Genehmigungsverfahren für gentechnisch veränderte Organismen bei dieser neuen Form der Freisetzung ausreichend sind.

Hervorgegangen sind die Verfahren aus der Sterile-Insekten-Technik, die erstmals in den 1950er Jahren gegen die Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax) in Nordamerika eingesetzt wurde – ein übler Ektoparasit, dessen Larven an offenen Wunden von zum Beispiel Vieh schmarotzen. Man setzt dazu einfach eine große Anzahl Männchen der gleichen Art frei, die jedoch durch Bestrahlung sterilisiert werden und keine Nachkommen zeugen. Sie konkurrieren mit den zeugungsfähigen Männchen, und wenn sie das erfolgreich genug tun, bleibt der Nachwuchs weit gehend aus: Die Population bricht zusammen. Seither ist dieses Verfahren erfolgreich gegen eine ganze Reihe von Schädlingen eingesetzt worden. Das ist aus der Perspektive der Biosicherheit betrachtet völlig unproblematisch. Schließlich bringt man keine neue Art in das Ökosystem ein oder verändert den Genpool einer Spezies.

Die Grenzen der herkömmlichen Verfahren

Doch die Sterilisierung mit ionisierender Strahlung hat ihre Grenzen: Bei einigen Arten, die man kontrollieren möchte, macht eine hinreichend große Strahlendosis die Tiere nicht nur unfruchtbar, sondern schwächt sie gleich so sehr, dass sie nicht mehr erfolgreich den einheimischen Männchen Paroli bieten können. Auch die geschädigten Spermien selbst führen bei Arten, deren Weibchen sich mit mehreren Männchen paaren, zu großen Selektionsnachteilen der bestrahlten Männchen: Die Populationskontrolle ist ineffektiv. Das Problem stellt sich unter anderem bei den Vektoren der bedeutendsten Tropenkrankheiten, den Moskitos, die Malaria oder Dengue-Fieber übertragen. Fände man eine Möglichkeit, diese Krankheitsüberträger effektiv zu kontrollieren, könnte man Millionen Menschen das Leben retten.

Deswegen sterilisieren Forscher die Moskitos genetisch – eine Variante, das zu erreichen, ist ein Genkomplex, der die geschlüpften Larven tötet, wenn man sie nicht mit großen Dosen des Antibiotikums Tetracyclin behandelt. Im Labor kann man diese Moskitos also beliebig vermehren, doch wenn man sie freisetzt, sterben ihre Larven ab. Drei Feldversuche mit der Mückenart Aedes aegypti haben bereits den Segen der zuständigen Behörden gefunden, und in Brasilien, Malaysia und der Karibik entließen Forscher unzählige der neuen Moskitos in die freie Wildbahn.

In einem kürzlich erschienenen Artikel kritisierten nun Forscher um Guy Reeves vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön die gegenwärtige Genehmigungspraxis scharf. Es sei aus den öffentlich verfügbaren Dokumenten nicht zu entnehmen, ob potenzielle Risiken der Freisetzung angemessen gewürdigt worden sind, schreiben die Forscher.

Reeves und Kollegen gestehen zu, dass die Risiken bei dieser Art von Freisetzung gering sind: Die Moskitos verlassen das Labor zum Sterben – ihre Nachkommen sind nicht lebensfähig, und selbst wenn wenige von ihnen überleben sollten, ist die Chance, dass sie ihrerseits lebensfähige Nachkommen haben, verschwindend gering, ganz zu schweigen davon, dass sie sich in der natürlichen Population etablieren. Dennoch fordern sie, das Genehmigungsverfahren grundlegend zu überdenken.

Ängste berücksichtigen

Denn, so argumentieren sie, schon heute wehren sich viele Menschen weltweit gegen die Freisetzung genetisch veränderter Feldfrüchte, einerseits aus Angst vor eventuellen Risiken, oft jedoch auch aus Prinzip. Deswegen seien nicht nur Transparenz und öffentliche Teilhabe enorm wichtig, sondern ebenso eine wesentlich sorgfältigere wissenschaftliche Beurteilung möglicher Risiken und Folgen. Als wichtigsten Kritikpunkt identifizieren die Wissenschaftler die sehr allgemein gehaltene Risikobewertung. Sie geben zu bedenken, dass die Gentechnik in der Lage ist, eine kaum zu überschauende Bandbreite an Veränderungen zu erzeugen, die sich mit einem generischen Verfahren, wie es heute üblich ist, nicht erfassen lässt. Sie fordern: Jeder dieser Freisetzungsversuche muss individuell und nach den höchsten wissenschaftlichen Standards bewertet werden.

Sie bezweifeln, dass die etablierten Genehmigungsverfahren ausreichen, um die Sicherheit zukünftiger Freisetzungsversuche ebenso zu gewährleisen wie eine angemessene Informationspolitik gegenüber der Bevölkerung. Andere Forscher widersprechen dem, zum Beispiel Luke Alphey, unter dessen Federführung gentechnisch veränderte Moskitos auf den Cayman-Inseln freigelassen wurden. Einige der Einwände von Reeves und seinem Team seien berechtigt, gestehen er und seine Kollegin Camilla Beach in einer Antwort auf deren Veröffentlichung zu, doch ihre Vorstellungen eines verbesserten Genehmigungsverfahren seien weder sinnvoll noch praktikabel. Ein Genehmigungsverfahren müsse eine ganze Reihe teilweise widersprüchlicher Anforderungen erfüllen, so sei totale Transparenz schon deswegen nicht herstellbar, weil beteiligte Unternehmen einen berechtigten Anspruch auf Schutz patentrelevanter Einzelheiten hätten. Auch seien viele relevante Informationen nicht klassisch wissenschaftlich publizierbar, so dass die Forderung, nur auf wissenschaftliche Literatur zurückzugreifen, nicht erfüllbar sei.

Die Diskussion jedenfalls kommt keinen Moment zu früh, denn schon sind weitere Freisetzungsversuche mit genetisch veränderten Moskitos in Vorbereitung, in Asien, Mittelamerika, Indien und sogar Europa. Auch der Verweis auf die zukünftigen erweiterten Möglichkeiten der Gentechnik ist keineswegs verfrüht. Schon stehen weitreichendere Verfahren in den Startlöchern, Methoden, die nicht darauf abzielen, die Vektorpopulationen zusammenbrechen zu lassen, sondern solche, die zum Beispiel immun gegen den normalerweise von ihnen übertragenen Erreger sind. Diese Lebewesen sind nicht dem Untergang geweiht, im Gegenteil, sie sollen ihr Werk verrichten, indem sie die Population übernehmen, so dass die Mehrheit der Tiere das neue, künstliche Gen trägt. Welche Maßstäbe soll man an derartige Strategien anlegen?

Die größte Sorge, die die Wissenschaftler umtreibt, gilt weniger die tatsächlich vorhandenen Gefahren als vielmehr öffentlichen Widerstand gegen Freisetzungsprogramme, der womöglich das gesamte Verfahren diskreditieren könnte. In Indien endete schon in den 1970er Jahren ein solches von der WHO initiiertes Freisetzungsprogramm vorzeitig im Chaos, nachdem schlechte Informationspolitik zu negativer Berichterstattung in der lokalen Presse führte – und dabei handelte es sich lediglich um konventionell sterilisierte Insekten.

© Spektrum.de
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