Die Kriege und Bürgerkriege im östlichen Mittelmeerraum machen gruselige Schlagzeilen, aber auch abseits der Schlachtfelder fordert zunehmende Gewalt immer mehr Todesopfer. Zu diesem Schluss kommt ein Team des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington in einem aktuellen Bericht. Tatsächlich verlieren in der Region sogar zehnmal so viele Menschen durch nichtmilitärische Gewalt ihr Leben wie durch die offenen Kampfhandlungen: Insgesamt 1,4 Millionen Menschen sterben jährlich an Suizid, Mord und Totschlag sowie sexueller Gewalt, rechnet die Arbeitsgruppe vor. Die Sterblichkeit durch diese Ursachen steige im Nahen Osten weit schneller an als in jeder anderen Weltgegend – das internationale Team aus mehr als 2300 Fachleuten sieht eine "verlorene Generation" entstehen. Die Zukunft sei düster, sofern es nicht gelinge, die Region zu stabilisieren.

In den 25 Jahren seit 1990 haben sich die Todesfälle durch Suizid verdoppelt, jene durch interpersonelle Gewaltakte stiegen sogar um 150 Prozent – vermutlich ist die Rate der Selbsttötungen jedoch noch deutlich stärker gestiegen, so die Forscher: Der Freitod ist in vielen Ländern mit einem starken Stigma belegt, so dass viele Fälle in der Statistik nicht auftauchen. Einen Zusammenhang gibt es womöglich mit dem gleichzeitigen erheblichen Anstieg an psychischen Erkrankungen, von dem das Studienteam ebenfalls berichtet.

Auch bei anderen Gesundheitszahlen zieht der Bericht eine sehr gemischte Bilanz. Während die Sterblichkeit durch Naturkatastrophen und Infektionskrankheiten in den letzten 25 Jahren deutlich zurückging, machte die Region bei der Kindersterblichkeit – ein wichtiger Indikator für Entwicklung – insgesamt kaum Fortschritte. Dagegen erlagen trotz wachsender Bevölkerung 25 Prozent weniger Menschen einer Durchfallerkrankung. Drastisch gestiegen ist das Risiko, durch politische Unruhe zu Tode zu kommen: Die Zahl der Opfer durch kriegerische Handlungen und staatliche Gewalt stieg in der schon vor 1990 nicht eben friedlichen Region nach Angaben der Arbeitsgruppe um 850 Prozent. Die häufigste Todesursache bleibt allerdings die gleiche wie in Europa: Herz-Kreislauf-Erkrankungen.