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News: Hemmungslos

Spezielle Medikamente sollen Krebszellen daran hindern, aus dem zellulären Verband auszubrechen und auf Wanderschaft zu gehen. Doch statt die Bewegungsfreiheit der Tumorzellen einzuschränken, erhöht sie sich: Die Krebszellen ändern einfach ihre Gestalt.
Tumurzellen
Was hat die Wissenschaft nicht schon alles versucht, um Krebszellen einen vernichtenden Schlag zu versetzten. Sie versuchten es mit Aushungern, mit speziellen Antikörpern, mit einer Impfung und einem ganzen Cocktail giftiger Substanzen. Doch außer ein paar speziellen Medikamenten für wenige Krebsarten – etwa Glivec bei Blutkrebs und Herceptin bei Brustkrebs – scheint nichts Krebszellen dauerhaft aufzuhalten.

Besonders gefährlich wird es für Patienten, wenn sich einzelne Tumorzellen aus dem Krebsverband lösen und auf Wanderschaft gehen. Sind sie einmal in die Blutbahn oder ins Lymphsystem gelangt, können sie mit diesen Transportmitteln praktisch jeden Winkel im Körper erreichen, sich dort niederlassen und neue Krebsherde bilden. Um mobil zu werden, müssen sich die Krebszellen allerdings erst den Weg freiräumen. Denn meist kapselt der Körper die wuchernden Zellen mit einer Zellschicht vorsorglich ein. Doch davon lassen sich die entarteten Zellen nicht aufhalten: Mithilfe spezieller Enzyme – Proteasen – bohren sie Löcher ins umgebende Gewebe, durch die sie anschließend entwischen.

Um den wanderlustigen Tumorzellen jede Fluchtmöglichkeit zu nehmen, sollen Proteasehemmer die Bohrwerkzeuge der Krebszellen unschädlich machen. Und obwohl dies den Medikamenten gut gelingt, entschlüpfen die Zellen trotzdem. Wie dies möglich ist, haben nun Peter Friedl und seine Kollegen von der Universität Würzburg im Bild festhalten können.

Eher zufällig kamen sie der alternativen Reiseroute auf die Schliche. Eigentlich waren sie auf der Suche nach der wirksamsten Kombination von Proteasehemmern, als sie die Krebszellen in ein künstliches Gel aus Kollagen betteten – ähnlich dem Einkapselungsversuch des Körpers – und ein Mikroskop auf die Anordnung richteten. Eine angeschlossene Videokamera sollte die unbeweglich gewordenen Tumorzellen im Bild festhalten.

Doch dann kam es ganz anders. In ihrem ersten Film konnten die Wissenschaftler noch den klassischen Ausbruchversuch der Tumorzellen aufnehmen: Die Zellen knabberten sich einen verräterischen Fluchttunnel ins umgebende Kollagen und machten sich auf den Weg ins Freie. Doch das Bild änderte sich ganz plötzlich, als die Proteasehemmer ins Spiel kamen. Statt wie eingefroren an ihrem Platz zu verharren, kam unerwartete Bewegung in die Krebszellen. Nur änderten sie jetzt nicht mehr ihre Umgebung, sondern sich selbst: Unter Wirkung der Medikamente wechselten sie ihre Gestalt und ähnelten nun einzelligen Amöben, die sich kriechend fortbewegen und sich je nach Bedarf verformen können.

So umgeformt, quetschten sich die Krebszellen einfach durch kleine Lücken im umgebenden Gewebe. Das arbeitsaufwändige Tunnelbohren entfiel. Um sicherzugehen, dass sie keiner optischen Täuschung erlegen waren, wiederholte das Team den Versuch an Hautzellen von Mäusen. Und auch hier verwandelten sich die Krebszellen auf mysteriöse Weise in amöboide Zellen und machten sich beim Ausbruchversuch ganz dünne.

Sollten sich die Beobachtungen auch in anderen Zellverbänden bestätigen, stehen die Forscher vor ganz neuen Aufgaben. Neben weiter an Proteasehemmern zu forschen, müssten sie zusätzlich auch die erstaunliche Transformation der Krebszellen zu verhindern versuchen. Allerdings keine einfache Aufgabe, da die Verwandlung noch einige Fragen aufwirft.

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