Der gesamtindische Genpool speist sich aus mindestens fünf größeren Quellen und ist damit vielfältiger als bislang angenommen: Mindestens drei weitere Gruppen von Einwanderern haben in den letzten Jahrtausenden ihre Spuren in den ältesten süd- und nordindischen Urpopulationen hinterlassen. Dies ergaben vergleichende Genanalysen von 367 Menschen aus 20 verschiedenen Ethnien des Subkontinents, auf dem heute mehr als ein Sechstel der Erdbevölkerung heimisch ist. Neben den beiden großen, ursprünglichen nördlichen und südlichen Genstammlinien findet sich ein deutlicher Einfluss von Menschen aus Südasien sowie von tibetobirmaischen Zuwanderern, berichten Genanalytiker des National Institute of BioMedical Genomics in Südbengalen. Im Erbgut der Jäger und Sammler der indischen Andamanen-Inseln sind zudem Erbgutspuren gemeinsamer Ahnen mit heutigen Pazifikinsulanern auszumachen.

Auf dem Festland ist besonders auffällig, dass eine historisch dokumentierte Entwicklung bis heute im Genpool nachweisbar ist: die vor etwa 70 Menschengenerationen, also vor weniger als 1600 Jahren, einsetzende Renaissance des Brahmanismus, der von den Fürsten der Gupta-Dynastie getragen wurde. Sie folgte dem Niedergang der buddhistischen Großreiche Indiens, ließ eine neue höfische Kultur mit einer Rückbesinnung etwa auf das klassische Sanskrit entstehen und ging mit der Stärkung des Kastenwesens und einer intensiveren Elitenbildung einher. Dies sorgte, wie die Genanalysen zeigen, dann offenbar für eine deutlich abgeschwächte genetische Durchmischung: Die indoeuropäisch sprechenden Eliten der höheren Kasten heirateten strikter unter einander. Vor und – besonders außerhalb der brahmanischen Kaste – auch nach der Gupta-Epoche vermischten sich die Völker dagegen deutlich stärker, fassen die Forscher zusammen.

Der von den Gupta wiederbelebte Brahmanismus war deutlich früher entstanden, als in den zwei Jahrtausenden vor der Zeitenwende indoeuropäische Arier in weite Teile Nordindiens vordrangen und ihre vedische Kultur und Religion mit jener der Urbevölkerung verschmolz. Die drawidische Kultur im Süden Indiens war davon weitgehend ausgespart geblieben, was sich bis heute in der Genstruktur im Süden und Norden widerspiegelt. Insgesamt, so zeigt die Erbgutanalyse, mischten sich die südlichen und nördlichen Populationen dann aber über die Jahrtausende hinweg doch deutlich stärker als vermutet, was zum heutigen ethnischen und geografisch vielfältigen abgewandelten Erbgut beitrug.