Die Wissenschaftsgeschichte scheint sich einig: "Darwin wurde in seinen Versuchen, die natürliche Selektion zu erklären, stark entmutigt. Dies könnte ein Grund dafür gewesen sein, warum er die Veröffentlichung so lange aufschob", schreibt beispielsweise der Biologe Michael Ghiselin 1969. Auch der Psychologe Howard Gruber hält wahre Seelenqualen des Evolutionsforschers für die Ursache der späten Publikation von "On the Origin of Species" – herrührend aus der Angst, sich mit einer unpopulären These lächerlich zu machen und an Ansehen zu verlieren. Eine Meinung, der sich das Gros der Forscher und Wissenschaftspublizisten anschlossen, darunter auch die BBC oder Stephen Jay Gould: "In einem bin ich mir sicher: Der negative Einfluss der Angst muss mindestens eine ähnlich große Rolle gespielt haben wie der positive Wunsch zu weiterer Untermauerung."

Ein konfliktscheuer Geheimniskrämer?

Vielleicht hätten auch Bedenken, seine Frau Emma zu verärgern, Darwin zögerlich sein lassen. Und womöglich hätte er seine Ideen nie veröffentlicht, wäre nicht Alfred Russel Wallace 1858 zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen. Jedenfalls erscheint der Begründer der Evolutionstheorie als furchtsamer, insgeheim zitternder Geheimniskrämer, der lieber eine Lüge lebte – wie es Adrian Desmond und James Moore in einer Biografie über Darwin 1992 formulierten –, als sich der Reaktion seines Umfelds auszusetzen.

Charles Darwin
© Henry Maull & John Fox, 1859-60 / public domain
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Kein schmeichelhaftes Bild für einen großen Forscher. Und noch dazu falsch, erklärt John van Wyhe vom Christ's College in Cambridge. Der Darwin-Experte ist gründlich durch die überlieferten Quellen gegangen und findet keine Hinweise, die die beherrschende Meinung über die späte Veröffentlichung von Darwins wohl wichtigstem Werk belegen würden. Späte, wohlgemerkt, nicht "verspätete" – wie van Wyhe vielfältig belegt, kam Darwin schlicht nicht dazu, früher zu publizieren.

So diskutierte er seine These zur Veränderlichkeit der Organismenwelt offen mit zahlreichen Freunden und Briefpartnern – von Verheimlichen oder Angst vor Ansehensverlust also keine Spur, im Gegenteil: Obwohl er immer wieder betonte, dass er sich damit womöglich zum Gespött mache, nannte er stets beinahe im selben Atemzug die Absicht, trotzdem damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wusste Emma Darwin lange vor der Publikation um die Inhalte seines "Arten-und-Variationen-Konzepts", wie er es gern nannte: 1844 hatte Darwin eine Rohfassung niedergeschrieben, die er sie bat zu publizieren, sollte er vorzeitig sterben.

Gerade diese ungenaue Beschreibung beziehungsweise die Form, seine Idee nicht mit natürlicher Selektion oder Entstehung von Arten zu betiteln, legten Wissenschaftshistoriker übrigens gern als Beleg für Geheimniskrämerei aus. Für van Wyhe eine Fehldeutung: Er sieht darin die ausreichend vereinfachte Umschreibung für Gesprächspartner, die bereits wissen, worum es geht. In ihren Reaktionen zeigt sich dabei durchaus Widerspruch, jedoch keineswegs in der übersteigerten Form, die Darwin laut späterer Beurteilungen hätte fürchten müssen.

Spät, nicht verspätet

Überhaupt stelle sich laut van Wyhe die Frage, wie Darwin "Die Entstehung der Arten" früher hätte publizieren sollen. Während er Ende der 1840er die ersten Ideen entwickelte, steckte er noch tief in der Auswertung seiner Beagle-Reise. Behindert durch Krankheit, konnte er teilweise nur wenige Stunden am Tag arbeiten – trotzdem publizierte er Aufsatz um Aufsatz und von 1839 bis 1846 zehn Bücher. Seine Evolutionstheorie verlor er dabei nie aus den Augen, kündigte er doch in zahlreichen Briefen an, dass er sich darum kümmern werde, sobald er seine jetzigen Aufgaben bewältigt habe. Fünf Jahre, so schätzte er mehrfach, werde es ihn kosten, seine Ideen auf sichere Füße zu stellen und niederzuschreiben.

HMS Beagle
© Owen Stanley, 1841 / public domain
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Doch 1846 wuchs sich ein zunächst als kleine Ergänzung geplanter Nachtrag zur Wirbellosenfauna seiner Beagle-Reise als jahrefüllendes Programm aus: Seine Beschäftigung mit den ihn so begeisternden Seepocken, für die er maximal ein Jahr veranschlagte, sollte ihn schließlich zehn Jahre binden und in einer Monografie zur Systematik der Seepockenverwandtschaft der Rankenfüßer münden. Obwohl Darwin es dabei zunächst genoss, endlich statt Papier und Feder mit Skalpell und Mikroskop zu hantieren, litt die Liebe zu den Tieren doch sehr: "Ich hasse Seepocken wie kein Mensch zuvor, nicht einmal ein Matrose auf einem Segelschiff", schrieb er 1852 an seinen Verwandten William Darwin Fox. Und beklagte dabei immer wieder, dass er seine Pläne, endlich die Notizen zur Veränderlichkeit der Arten zu überarbeiten, ständig aufschieben müsse.

Dass die Evolutionstheorie warten musste, blieb übrigens kein Einzelfall: Auch psychologische Aufzeichnungen zur Entwicklung seines Sohnes erschienen erst 37 Jahre später, ein Orchideenbuch etwa dreißig Jahre nach den ersten Beobachtungen oder Überlegungen zur landschaftsverändernden Wirkung von Würmern, die er 1838 in einem kurzen Artikel schon einmal zusammenfasste, in Buchform sogar erst 1881.

Moderne Geschichtschreibung kontra historische Fakten

Titelblatt von "On the Origin of Species"
© public domain
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Jedenfalls kam Darwin nicht vor Mitte der 1850er Jahre dazu, sich mit der "Entstehung der Arten" gründlich zu befassen. Und gründlich war er: Seine größte Sorge war, dass mangelhaftes Durchdenken aller Aspekte seiner Theorie den Dolchstoß versetzen könnte. Die Auseinandersetzung mit den Wissenschaftlern seiner Zeit dagegen scheute er nicht – wie er ja mit seinen Briefen in den vorangegangenen Jahrzehnten bereits belegt hatte. Genau diese Befürchtung aber wurde häufig umgedeutet in allgemeine Publikationsangst und bewusste Verzögerung. Doch nach den veranschlagten fünf Jahren und 13 Monaten Niederschrift legte Darwin sein Werk schließlich vor: eben spät, aber nicht verspätet.

Zeitgenossen und frühe Biografen sprechen daher auch nirgends von Angst vor der Publikation, dem furchtsamen Verstauen in Schubladen oder Geheimniskrämerei, erklärt van Wyhe. Die ganze Geschichte rund um Darwins zwanzigjähriges Zögern sei vielmehr eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In den 1950er Jahren, so der Darwin-Historiker, tauchten erstmals Formulierungen auf, die jene Zeitspanne als Aufschub deuteten – zusammen mit den zuvor aufgeführten Erklärungen. Und offensichtlich hielt sich das Bild so hartnäckig, dass es ohne ein vertieftes Nachforschen in den Quellen einfach weiter überliefert wurde und sich daher bis heute hält – vielleicht allein schon deshalb, weil die Geschichte so mehr Dramatik aufweist.

Warum der Mythos entstand und besteht, "ist eine komplexe Frage, deren Beantwortung eine eigene Studie erforderte", meint van Wyhe. "Die Gefahr voreingenommener Bestätigung droht Historikern mindestens genauso wie anderen Wissenschaftlern. Wenn wir Historiker einmal eine Geschichte glauben, ist es leicht, weitere Belege dafür zu finden. Wenn die Befunde aber dagegen sprechen, fällt es schwer, sie aufzugeben."