Das Leben Ihres Smartphones beginnt irgendwo in Afrika: Ein Kind wäscht Gold in einer Mine in Ruanda oder Uganda beispielsweise. Ein Dollar pro Tag, das ist ein übliches Einkommen von Goldschürfern in Afrika, davon kann man dort gerade so leben – aber nur, wenn die Kinder helfen, anstatt zur Schule zu gehen. Nur mit Glück finanziert man als westlicher Smartphonekäufer nicht auch noch einen Bürgerkrieg oder Diktatoren mit dem im Gerät enthaltenen Gold. Geht das nicht auch anders? Schwierig: Ein fair produziertes nachhaltiges Smartphone ist eine große Hürde. "Gold ist die größte Herausforderung", sagt Rüdiger Kühr von der United Nations University in Bonn: "Es wird eingeschmolzen, so dass man nicht nachvollziehen kann, woher es kommt. Kein Hersteller kann beweisen, dass es nicht aus sensiblen Bereichen der Welt kommt."

Beim Gold ist es besonders deutlich, aber auch andere Materialien, die in Smartphones verbaut sind, haben einen problematischen Hintergrund: Teilweise werden sie mit gesundheitsgefährdenden und umweltschädlichen Methoden aus dem Boden gewonnen – und viele von ihnen sind endlich. Doch während manche Organisationen davor warnen, dass die Rohstoffvorkommen bald aufgebraucht sein könnten, gibt Karsten Schischke vom Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM in Berlin in gewisser Weise Entwarnung: "Gerade die viel zitierten seltenen Erden beispielsweise sind gar nicht so selten." Das Problem ist eher, dass sie häufig in Verbindung mit radioaktiven Materialien vorkommen.

Das ist nicht nur gesundheitsgefährdend in der Rohstoffgewinnung, sondern bringt auch das Problem der Entsorgung von Produktionsabfällen mit sich. "Daran hängen erhebliche Umweltlasten, und nur wenige machen sich die Mühe, diese anzugehen", sagt Schischke. So gebe es etwa in den USA große Vorkommen, vor rund zehn Jahren habe man dort eine Mine wieder geöffnet, "aber dann war der Versorgungsdruck doch nicht so groß, und der Minenbetreiber ging 2015 in die Insolvenz". Auch Wolfram sei kein seltener Rohstoff, jedoch einer, der vor allem in Konfliktregionen vorkomme. Nichtsdestotrotz werden die Rohstoffe irgendwann ausgehen; nicht in 5 oder 10, eher in 50 oder 100 Jahren, meint Schischke: "Nur, wie sehen dann unsere Smartphones aus?" Womöglich existieren sie dann schon lange nicht mehr und sind durch neue Technologien abgelöst worden.

Die Problembären der Digitalisierung

Auch unabhängig davon sind Smartphones derzeit alles andere als nachhaltig: "In ihre Produktion fließen enorme Ressourcen ein", sagt Rüdiger Kühr, "fast die Hälfte der chemischen Elemente ist in ihnen enthalten." Die Einzelteile Ihres Smartphones reisen unter anderem von Afrika häufig über China, wo verschiedene Komponenten gefertigt werden, manchmal über die USA nach Deutschland. Und mit der Ankunft bei Ihnen als erstem Besitzer beginnt schon die kürzeste Phase seines Lebens: die Nutzungsphase. Zwei Jahre verwendet ein Bürger der westlichen Industrienationen laut Berechnungen der Universität der Vereinten Nationen im Schnitt sein bis zu 700 Euro teures Smartphone. Dann bekommt er entweder von seinem Vertragsanbieter ein neues, oder ihm genügen Kamera oder Speicher nicht mehr  – oder der Akku ist kaputt. Und der lässt sich bei den modernen Modellen in aller Regel nicht auswechseln.

"Zuerst geht der Akku kaputt, dann das Display", sagt Manfred Santen von Greenpeace. Eine Studie der Umweltorganisation hat im August 2016 ergeben, dass die meisten Bundesbürger ihre mobilen Geräte gerne länger nutzen würden: Zwei Drittel der 1000 Befragten wünschten sich eine Entschleunigung auf Seiten der Anbieter in Form von weniger neuen, dafür haltbareren Modellen. Das ist aus Santens Sicht der erste Schritt, die Geräte nachhaltiger zu gestalten: Nicht zuletzt gehe dieses "immer schneller" auch zu Lasten des Verbrauchers, wie die Vorfälle um das Samsung Galaxy Note 7 zeigten, deren Akkus immer mal wieder explodierten. "Den Herstellern bleibt keine Zeit für eine ausreichende Qualitätssicherung."

"Closing and slowing the loop" sei die Lösung, so Santen: den Kreislauf schließen und verlangsamen, also weniger neue Modelle auf den Markt werfen und dafür sorgen, dass diese reparierbar sind. Auf der Reparaturplattform ifixit.com beobachtet er das seit Jahren, aber es wird eher schlechter als besser: "Das Samsung Galaxy 5 und ältere Geräte lassen sich noch relativ gut reparieren, neuere Modelle eher schlecht." Apple hingegen sei bei seinen iPhones ein klein wenig besser geworden, was die Reparierbarkeit betrifft, im Laptop-Bereich hingegen deutlich schlechter. Hintergrund sei der Wettbewerbsdruck, der Smartphones und Notebooks immer dünner werden lasse – angeblich, weil es die Nutzer so wollen. "Samsung verklebt das gesamte Gerät", sagt Santen – dafür kann man mit dem neuen S7 unter Wasser fotografieren. Im Gegenzug heißt das, dass es sich nicht öffnen lässt, um beispielsweise den Akku oder andere Teile auszutauschen oder es zu recyceln.

Männer und Frauen in Alltagskleidung in einer Mondlandschaft aus Erdhaufen, Löchern und einfachen Gerätschaften zur Goldsuche.
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Besonders in weniger entwickelten Ländern sind die Arbeitsbedingungen in der Rohstoffindustrie oft schlecht. Zum Beispiel stellte ein Bericht des US-Arbeitsministeriums von 2014 fest, dass in den Goldminen von Burkina Faso Sklaverei und Kinderarbeit weit verbreitet sind.

Auch wenn Apple immer wieder in öffentlichkeitswirksamen Aktionen Interesse an Nachhaltigkeit zeigt, sind die Experten eher skeptisch: So seien iPhones ebenfalls schwer zu öffnen, sagt Santen, und man könne die Geräte zwar zur Reparatur geben, allerdings sei das recht teuer. "Das müsste wie beim Auto geregelt sein: dass es auch freie Werkstätten gibt, die günstiger reparieren können." Aber es sei schon schwierig, die Ersatzteile von Apple und anderen Herstellern zu bekommen, häufig seien sie schon kurz nach Erscheinen der Modelle nicht mehr verfügbar. Mindestens sieben Jahre sollten sie vorrätig sein, so eine Forderung von Greenpeace. Und auch der Recycle-Roboter Liam von Apple könnte mehr Marketingtrick als sinnvolle Erfindung sein: Insider sagen, dass er nicht aus einem einzelnen Roboter, sondern aus einer aufwändigen Anlage bestehe, die nur ein einziges Modell zerlegen kann – das iPhone 6S –, so dass die Wirtschaftlichkeit in Frage steht. Zudem geht es einfacher, sagt Santen: "Noch schlauer wäre es, Geräte so zu entwickeln, dass man sie auseinandernehmen kann."

Die einzige löbliche Ausnahme auf dem Markt ist das aktuelle Fairphone 2, das jeder Nutzer einfach selbst auseinanderbauen kann: "Man braucht nur einen Schraubendreher", lobt Karsten Schischke. Die Komponenten seien extra so konstruiert, dass sich jede einzelne austauschen lasse, sollte sie kaputt sein. Ein ähnliches Konzept verfolgt das "PuzzlePhone", das allerdings noch nicht auf dem Markt ist: Hier soll ein Gerät mit offenen Standardschnittstellen entwickelt werden, für das Entwickler verschiedene Module beisteuern können. Ein ähnliches Projekt ist erst kürzlich gescheitert: 2013 hatte der Niederländer Dave Hakkens seine Phonebloks-Initiative gestartet. Google übernahm die Idee schließlich und plante unter dem Namen Project Ara ein modulares Smartphone – um es 2016 einzustellen. "So etwas kann aber auch nach hinten losgehen", warnt Fraunhofer-Forscher Schischke: Die Nutzer könnten sich unnötig viele Module zulegen, was der Nachhaltigkeit dann einen Bärendienst erweist. "Ähnlich wie man sich auch stets mehr Apps auf das Smartphone lädt, als man wirklich braucht." Wieso Google das Projekt schließlich aufgab, ist nicht bekannt. Vermutlich zeichnete sich ab, dass damit nicht genug Geld zu verdienen ist.

Der modulare Ansatz

Vielleicht muss man dafür tatsächlich Überzeugungstäter sein wie die Initiatoren der Initiative Fairphone, die im Gegensatz zum PuzzlePhone ein geschlossenes System anbietet. Die Module werden ausschließlich über die Initiative vertrieben, was die Gefahr des übermäßigen Konsums angesichts eines übergroßen Angebots neuer Module ein wenig eindämmt und zudem ermöglicht, die Lieferkette im Blick zu behalten: Schließlich will Fairphone sein Gerät nicht nur möglichst nachhaltig herstellen, sondern auch möglichst wenig ausbeuterische Arbeit finanzieren.

Das sei ein großes Manko der anderen Anbieter, sagt Santen: "Die sind sich häufig der Verantwortung für die gesamte Lieferkette nicht bewusst", so der Greenpeace-Experte. Häufig müsse er erst darauf hinweisen: "Das wird in eurem Namen verkauft, das sollte euch interessieren!" Santen sammelt derzeit Daten von allen Anbietern und will Ende des Jahres ein Ranking machen. Zuletzt hat der Verband von 2006 bis 2012 eine so genannte Green-IT-Kampagne mit Ranking gemacht, bei der vor allem die erneuerbaren Energien in der Produktion und die Vermeidung von Schadstoffen im Vordergrund standen. Diesmal soll auch geprüft werden, was die Unternehmen über die Lieferkette wissen und inwiefern sie dafür sorgen, dass möglichst wenig Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Die Wiederverwertbarkeit, inwiefern diese im Design berücksichtigt ist und das Recycling spielen ebenfalls eine Rolle für das Ranking.

Denn das steht im Idealfall am Ende, nachdem Sie als Erstnutzer Ihr Gerät nach zwei Jahren eventuell für weitere zwei Jahre Ihrem Kind oder einem Verwandten überlassen haben. Der größte Feind des Recyclings ist allerdings Ihre Schublade: "Die Menschen können sich schwer trennen", sagt Rüdiger Kühr: "Sie haben eine persönliche Verbindungen zu ihrem Gerät entwickelt und nicht zuletzt Sorge um vertrauliche Daten." Schließlich wissen die wenigsten Nutzer, wie man Daten sicher und endgültig von einem Smartphone löscht. In der Schublade freilich sind die Geräte nicht besonders gut aufgehoben, sagt Kühr: "Die Ressourcen schlummern da vor sich hin."

Ein Taucher macht ein Selfie von sich und einem mehr als zwei Meter langen Hai. Anders als die meisten Menschen meinen, sind die meisten Hai-Arten für Menschen völlig ungefährlich. Dagegen werden jedes Jahr etwa 70 Millionen Haie von Menschen getötet.
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 Bild vergrößernUnterwasser-Selfie
Moderne Smartphones sind verklebt, so dass auch unter Wasser Fotos möglich sind. Das erschwert aber das Recycling.

Eine denkbare Lösung wäre eine Art Leasingsystem, bei dem beispielsweise die Serviceprovider Eigentümer der Geräte bleiben. "Wir sehen ein enormes Potenzial in dieser Dematerialisierung", sagt Kühr. Dabei wird nicht mehr das Material, sondern nur noch das Konzept verkauft. "Wir würden Herr über viele Probleme." Deutschland hat zwar gute, aber nicht die besten Sammelquoten, was das Recycling betrifft. Das liegt am unübersichtlichen System. In Schweden beispielsweise sammelt nur ein Akteur, die Quoten sind deutlich besser. Zudem hofft Kühr auf so genannte Re-use-Quoten: Vorschriften, mit denen die Hersteller verpflichtet werden, für eine gewisse Reparier- und Recyclingquote zu sorgen. "Theoretisch können wir fast 100 Prozent recyceln", sagt Kühr, "aber das ist nicht wirtschaftlich."

Im Recycling werden gegenwärtig in einem Verhüttungsprozess aus Smartphones vor allem Kupfer und Edelmetalle zurückgewonnen – und wenn sich der Akku entfernen lässt, auch Kobalt. Silizium hingegen sei in so kleinen Mengen und so aufwändig in den Leiterplatten verbaut, dass sich Recyceln nicht lohnt, sagt Schischke: "Hier würde es sich eher lohnen zu schauen, ob man die Halbleiter funktional weiterverwenden kann." In deren Herstellung stecke sehr viel Energie angesichts mehrerer hundert Prozessschritte unter Reinraumbedingungen. Tantal in den Kondensatoren und Wolfram in den Vibrationsmotoren, beides Konfliktmaterialien, sind nach dem derzeitigen Stand der Technik verloren, ebenso wie die seltene Erde Neodym in den Lautsprechern. Ob sich das je ändert, da ist Schischke skeptisch: "Wir unterhalten uns hier über Gramm, Milligramm, teils Mikrogramm – eine Separierung wäre ein enormer Aufwand." Das sei das Schicksal kleiner Informationstechnik: Man hat es geschafft, viele Funktionen mit wenig Material zu realisieren – "aber viele Materialien extrem fein verteilt".

Keine Hai-Selfies mit nachhaltigem Handy

Ein weiterer Ansatz wurde bislang vernachlässigt: eine zweite Verwendung für einzelne Komponenten eines Smartphones zu suchen. Daran arbeitet das Fraunhofer IZM gerade in einem Projekt unter anderem mit Fairphone, Circular Devices – den Entwicklern des PuzzlePhone – und MicroPro, dem Hersteller nachhaltiger Computer. Schließlich seien Smartphones kleine Computer, sagt Schischke: "Selbst wenn sich die Technik weiterentwickelt, kann das, was vor ein paar Jahren in ein Smartphone eingebaut wurde, in anderen Produkten eingesetzt werden." Beispielsweise in jenen vielen smarten Geräten, die das so genannte Internet der Dinge hervorbringt – vom Babyfon bis zur Hausautomatisierung. Die Kamera könnte in einer Webcam weiterleben, der Speicher eines Smartphones beispielsweise in einem USB-Stick. Die Forscher entwickeln dafür eine automatisierte Demontagetechnik für gut verkaufte Smartphone-Marken.

Am Ende seines Lebens könnte Ihr Smartphone jedoch anstatt in einem deutschen Hochofen ebenso gut wieder in einer Art Goldmine landen. Allerdings einer Mine besonderer Art: "Mining on the ground" nennen es die Experten, wenn Menschen in Entwicklungsländern Elektrogeräte mit primitivsten Mitteln, roher Gewalt und Chemikalien auseinandernehmen in der Hoffnung auf die enthaltenen Rohstoffe. Nicht selten explodiert dabei ein Akku, noch systematischer aber zerstören die Säuren die Gesundheit der Beteiligten, mit denen sie das Gold herauswaschen. Dabei wird unser Elektroschrott keineswegs direkt als Schrott exportiert, sondern häufig mit guter Absicht – zumindest seitens der ahnungslosen Verbraucher: Sie spenden ihre Geräte für karitative Zwecke.

"Aber man weiß nicht, wo die hingehen", sagt Kühr. Immer wieder würden Container an Häfen geöffnet, deren Ziel total unklar sei. Wer das sicher vermeiden will, sollte sein altes Gerät nur dann an karitative Sammlungen geben, wenn klar ist, was damit geschieht. Und wem die Nachhaltigkeit wirklich am Herzen liegt, für den führt kein Weg am modularen Smartphone wie dem Fairphone vorbei. "Es ist recht nah an der Ultima Ratio, was man an Recycelbarkeit und Reparierbarkeit machen kann", lobt Schischke. Nur: Man kann damit nicht unter Wasser fotografieren. Doch das ist vielleicht auch verzichtbar.