Werkzeuggebrauch galt lange als Privileg des Menschen – dann kamen andere Primaten hinzu und schließlich auch einige Vögel. Nun haben wir und die anderen Wirbeltiere eine weitere, unerwartete Konkurrenz bekommen: Weichtiere aus dem Meer. Der Krake Amphioctopus marginatus aus der Sulawesi-See sammelt Kokosnussschalen, um sich daraus eine Schutzhütte zusammenzustellen, beobachteten Biologen um Julian Finn vom Museum Victoria in Melbourne.

Krake beim Transport
© Roger Steene
(Ausschnitt)
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Indonesische Kraken sammeln Kokosnussschalen, um sich daraus ein Versteck zu basteln. Die leeren Hüllen tragen sie zuvor über den Meeresboden.
Die Tiere gehen dabei gezielt vor: Sie stapeln die Schalenhälften auf dem Meeresboden und "setzen" sich anschließend hinein, wobei sie ihre acht Arme über den Rand der nach oben geöffneten Hälfte baumeln lassen. Dann versteifen sie ihre Arme, stemmen sich mitsamt der Schale empor und laufen mit ihrer Fracht über den Untergrund, bis sie am gewünschten Ziel sind – bis zu 20 Meter weit schleppten sie das Material in Einzelfällen. Ein Anblick, der Finn durchaus amüsierte: "Als ich es das erste Mal sah, wusste ich, dass das Tier etwas im Schilde führte – aber nicht, dass der Krake damit über den Grund joggen würde. Es war ein extrem komischer Anblick. Ich habe unter Wasser noch nie so lachen müssen."


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Sein Stelzenlauf bringt die Oktopoden durchaus in Gefahr, denn sie bewegen sich nicht nur langsamer als gewöhnlich, sondern auch offen sichtbar und schutzlos. Normalerweise graben sie sich im Sand ein – oder verstecken sich eben in den Kokosschalen. Nähert sich ein Fressfeind, können die Kraken die beiden Hälften blitzschnell zusammenfügen und sich in die Kugel zurückziehen. Damit zeigt der Oktopus eine Fähigkeit, die bislang nur wenigen Spezies zugeschrieben wird: das Sammeln eines Werkzeugs, das nicht direkt, sondern erst später verwendet wird.

Krake in Kokosnuss
© Roger Steene
(Ausschnitt)
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Nähert sich ein Feind, basteln sich die Kraken blitzschnell eine Trutzburg aus zwei Kokosnussschalen. Darin sind sie relativ gut geschützt.
Kraken gelten ohnehin als höchst intelligent, und ihre kognitiven Fähigkeiten stehen jenen von Ratten kaum nach: Sie sind neugierig und lernfähig. So wurden die Weichtiere bereits dabei beobachtet, wie sie mit gezielten, selbst produzierten Wasserstrahlen Höhlen von Sand und Steinen säuberten. Im Aquarium gelang es Kraken zudem, Behälter mit Schraubverschlüssen zu öffnen, um an Beute zu gelangen. Unter allen Weichtieren haben sie das am besten ausgebildete Gehirn. (dl)