Erst kommt das Fressen, dann die Vermehrung und Fortpflanzung – und dann noch immer keine Moral. Eher am Ende noch das mitleidlose Wegwerfen eines ausgelutschten, missbrauchten Opfers. Parasiten sind die effizienten Extremisten unserer Welt: Sie verzichten auf überflüssige Sentimentalitäten wie Nächstenliebe, scheren sich wenig um die Lebensentwürfe von Mitgeschöpfen – außer, diese kommen ihnen selbst in die Quere – und optimieren ihr Leben auf Kosten anderer ohne Rücksicht auf Verluste.

Auf Verluste der anderen, versteht sich – eigene Verluste müssen dagegen natürlich unbedingt vermieden werden. So steht im Evolutions-Handbuch für Parasitenplanstellen-Aspiranten auch gleich hinter "Sei ansteckend, klein und gemein (also virulent)" und "nimm alles, was du kriegen kannst, und zwar sofort" der Tipp, dass ein Meister-Schmarotzer seinem Wirt zwar durchaus auch einmal nebenbei den Garaus machen darf – er sollte damit aber zumindest so lange warten, bis von diesem nichts Wertvolles mehr zu erwarten ist. Schließlich musste auch ein Parasit erst einmal quälend viel investieren und hohes Risiko eingehen, um sich als Made im Speck zu platzieren: Wirt finden, Wirts-Sicherheitssystem umgehen, Wirt entern, Wirt infizieren, Ressourcen des Wirtes breitbandig abgreifen – da kann ja schon so manches schief gehen. Sitzt man dann an der Quelle, sollte diese möglichst lange sprudeln. Einen Wirt zu töten, bevor er ausgequetscht ist wie eine Zahnpastatube, kann sich gerade bei hohen Anfangsinvestitionen als ziemlich mieses Geschäft erweisen.

Das gilt besonders, wenn die parasitäre Lebensplanung – sprich, die Produktion möglichst vieler eigener Nachkommen – nicht sonderlich schnell und in befriedigender Zahl abgeschlossen werden kann. Parasitennachwuchs kommt ja nicht umsonst in hohen Stückzahlen, nur wenige der lieben Kleinen werden es auch durch alle Gefahren bis in den nächsten passenden Wirt schaffen und dort reüssieren. Hochtourige Nachwuchsproduktion braucht aber zum einen Zeit, zum anderen exzellente Nachschublieferung. Letztere kann dem Wirt natürlich brutalstmöglich abverlangt werden – dann aber wird der wahrscheinlich nicht lange genug leben, um Nachwuchslieferungen über lange Dauer zu erlauben. Und damit haben die Schmarotzer ein Problem, über das sie erst einmal nachdenken müssen: besser lieb sein und lange, aber gemäßigt schnorren – oder gierig und kurz, aber für höchste Qualitätsansprüche ausreichend heftig raffen? Eine strategische Entscheidung, die jeder Parasit ein wenig anders fällen dürfte.

Im Mittel jedenfalls, so schon lange die Theorie der Parasitologenzunft, sollte ein Durchschnittsschmarotzer für größtmöglichen Erfolg auch mittelvirulent sein und seinen Wirt demnach nach mittellanger Zeit ausgeräubert haben. Diese Theorie ist nur leider schwer überprüfbar – was zum Beispiel heißt schon Erfolg, wie misst man ihn?

Indem man die individuelle Lebensdauer eines standardisierten Wirtes und die Menge der Nachkommenschaft seiner Untermieter bestimmt, meinen Knut Helge Jensen von der norwegischen Universität von Bergen und seine Kollegen und machten sich mit einem ausgesuchten Modell aus Wasserfloh-Wirten und Bakterienparasiten ans Werk. Zur Standardisierung des Wirtes klonten die Forscher eine Wasserfloh-Gruppe aus einem im norddeutschen Gaarzerfeld ins Netz gegangenen Daphnia-magna-Individuum. Die identischen Daphnien der Klonrotte infizierten die Wissenschaftler dann kontrolliert mit abgezählten Nachkommen eines einzelnen Wasserfloh-Parasiten, den die Wissenschaftler aus demselben Teich isoliert hatten.

Daphnia magna mit Pasteuria ramosa
© Knut Helge Jensen et al. zu PLoS Biology 4, e197, 2006
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDaphnia magna mit Pasteuria ramosa
Der Parasit Pasteuria ramosa, ein Bakterium, zeigt sich als typischer Vertreter seiner Gilde mitleidslos: Den einmal infizierten Wasserfloh kastriert er zuallererst, damit der Wirt nicht etwa aufgenommene Futter-Ressourcen in etwas derart parasitennutzloses wie eigene Wasserfloh-Nachkommen verschwenden kann. Danach lebt er im Wirt, schmarotzt vor sich hin, produziert eigenen Nachwuchs in Form von Bakteriensporen und schädigt seinen Wirt mal schneller, weil virulenter, mal weniger schnell bis zum Tod – mit dem dann die im Körper angesammelten Sporen freigesetzt werden. Derartiges lief im Labor von Jensen und Co ab wie in freier Wildbahn; der Erfolg hoher und niedriger Virulenzstrategien ließ sich indes durch penibles Zählen des individuellen Sporennachwuchses pro Parasit eben unmittelbar bestimmen.

Wie sich zeigt, verfolgt Pasteuria ramosa tatsächlich mal die virulente, mal die langfristig schonende Parasitenstrategie: Einzelne Wasserflöhe starben an der Parasitenlast früh (der fragilste schon 23 Tage nach der Infektion) oder spät (der Methusalem nach 74 Tagen – immer noch knapp drei Wochen schneller als die kurzlebigste nicht infizierte Vergleichs-Daphnie). Allzu früh abtretende Daphnien rissen dabei aber auch den Parasiten in ihrem Inneren mit in den totalen Untergang – die hochvirulenten Schmarotzer hatten einfach in derart kurzer Zeit nicht schnell genug Sporen bilden können und damit verzockt. Lang lebenden, wenig virulenten Kuschel-Pasteurias ging es nur wenig besser: Zwar produzierten sie durchaus einige Sporen, dies aber quälend langsam und nicht in großer Zahl. Wahrscheinlich litten sie unter dem wirtsschonend gedrosselt fließenden Ressourcen-Nachschub und bald auch darunter, dass alternde Daphnien nicht mehr die beste Versorgungsplattform darstellen.

Den meisten parasitären Nachwuchs verspricht, wie schon lange vermutet, die goldene Mitte: Ein Parasiten-Rekordhalter in einer durchschnittlich mittellang lebenden Daphnie konnte es auf die imposante Zahl von rund 4,5 Millionen Sporen bringen, die beim Ableben der Daphnie aus dem Kadaver freigesetzt wurden, um ihr eigenes Glück zu finden.

Bleibt die Frage, warum es überhaupt noch Kurz- und Langfriststrategen neben den mittelmäßigen, aber dabei hoch erfolgreichen Schmarotzern gibt. Der Grund könnte die einzige Konkurrenz sein, die Parasiten zu fürchten haben: andere Parasiten. Manchmal dürfte es wahrscheinlich von Vorteil sein, mit hohem Risiko möglichst schnell Nachwuchs zu produzieren, um Konkurrenz im Teich auszustechen. Manchmal, die Wasserflohfreunde unter den Lesern dürfte es freuen, kann aber sogar für einen Schmarotzer Schonung der Umwelt das vielversprechendste Konzept sein, bevor man sich selbst das Wasser abgräbt. Schließlich macht Perfektion ohne Nächstenliebe auf Dauer auch verdammt einsam.