Körperliche Aktivität ist gesund: Regelmäßiges Ausdauertraining beugt zum Beispiel schädlichem Übergewicht vor, trägt aber auch zu einer stabileren geistigen Konstitution und Leistungsfähigkeit bei und verbessert Gedächtnis und Stimmung, wie verschiedene Studien in den letzten Jahren belegt haben. Das spiegelt sich ganz konkret im Gehirn wider, denn in gut trainierten Menschen und verschiedenen Versuchstieren werden vermehrt Signalstoffe ausgeschüttet, die für leistungsfördernde Durchblutung, stärkere Verknüpfung der Nervenzellen und neue Neurone sorgen. Der Effekt von Sport ist dabei so frappant, meinen nun zwei amerikanische Forscher, dass sein Effekt auf die Vergangenheit der Menschheit bisher unterschätzt wurde. Denn einst, so ihre Hypothese, half der Zwang zu vermehrter körperlicher Aktivität womöglich sogar entscheidend mit, aus affenähnlichen Vormenschen clevere Menschen zu formen.

Tatsächlich zeigen sich an den ersten echten Vertretern der Gattung Homo vor etwa zwei Millionen Jahren anatomische und morphologische Veränderungen. Die Vermessung von Schädeln etwa hatte schon vor langer Zeit enthüllt, dass die Gehirnvolumina immer stärker zunahmen. Weniger prominent blieben Befunde, die eine deutlich stärker körperlich aktive Lebensführung der Frühmenschen belegen – also die ganz affenuntypische Fähigkeit, sich lange und ausdauernd zu bewegen und dabei womöglich routinemäßig weite Strecken schnell zurückzulegen. Im Skelett zeigt sich das etwa an im Verhältnis immer längeren Beinknochen, aber auch an der Form des Gleichgewichtsorgans im Innenohr.

Offenbar, so die gängige Hypothese der Anthropologen, stand am Beginn der Evolution des Menschen eine Veränderung seiner Lebensgewohnheiten: Die Frühmenschen begannen vor etwa 1,8 Millionen Jahren tatsächlich in einer veränderten Umwelt vermehrt umherzuwandern, um sich so auch neue Jagdgebiete und Methoden anzueignen. Gleichzeitig könnten sie sich dabei bessere Nahrungsquellen erschlossen und energiereichere Kost erobert – und sich eben deshalb auch ein immer größeres, mehr Energie verbrauchendes Gehirn geleistet haben. Dies wurde zudem immer mehr auch benutzt, etwa beim Ersinnen neuer Jagdstrategien oder weil die Anforderungen sozialer Interaktion in den Gruppen immer höher wurden.

David Raichlen von der University of Arizona in Tucson und John Polk von der University of Illinois in Urbana weisen nun auf den nach ihrer Ansicht unterschätzten direkten physiologischen Effekt einer aktiveren Lebensweise hin. Bei vielen Säugetieren wie auch dem modernen Menschen steigert regelmäßiges Training die Gehirnleistung. Dies liegt zum Beispiel daran, dass Signale wie Neurotrophine und Wachstumsfaktoren in höheren Mengen ausgeschüttet werden – Stoffe, die nicht nur während des Trainings den Stoffwechsel modulieren, sondern langfristig auch im Gehirn die Verschaltung von Neuronen und die Neurogenese fördern. Somit könnte die aktivere Lebensführung der Frühmenschen ganz direkt eine Ursache der Hirnvergrößerung gewesen sein, meinen die Forscher – und damit eine Ursache der hervorstechendsten Eigenschaft des späteren Homo sapiens.

Natürlich sei dieser physiologische Umstand nicht als singulärer Auslöser der menschlichen Entwicklung anzusehen, sondern habe sich vielmehr mit anderen Faktoren im Evolutionsprozess glücklich ergänzt, so Raichlen und Polk. Es sei aber gut denkbar, dass Selektionsprozesse auf die frühen Menschen gewirkt haben, die nicht Individuen mit leistungsfähigen Gehirnen, sondern solche mit besserer körperlicher Fitness bevorzugt hätten. Weil die bessere körperliche Fitness bei Säugetieren aber leistungsfähigere Hirne mit sich bringt, sei das auch dem Denkvermögen zugutegekommen.