Es gab einmal eine Zeit, da lösten Sonnenfinsternisse Ängste, ja Panik aus. Ein Dämon, so glaubte man, drohe das Leben spendende Tagesgestirn zu verschlingen. Verängstigt, aber tapfer liefen die Leute auf die Straße, schlugen mit Kochlöffeln auf Töpfe ein und suchten mit ihrem Lärm die böse Macht zu vertreiben. Die Methode erwies sich als überaus wirksam, denn der Dämon spuckte die Sonne nach einigen langen Minuten wieder aus und zog von dannen.

Die Ängste scheinen zurück, wenn auch in anderer Form. Eine Sonnenfinsternis, so heißt es jetzt, bedrohe das Augenlicht der Menschen, insbesondere der Jüngsten. Und so ordnen die Weisen der Gesellschaft an, die Zöglinge in Kindergärten und Grundschulen in Zimmern einzusperren und die Rollos oder Jalousien an den Fenstern herunterzulassen. Auf dass die gefährliche Strahlung die Augen der Kinder nicht verderbe – derjenigen Kinder, die einmal die Zukunft dieses Landes sichern sollen.

Schreiben einer Grundschule anlässlich der Sonnenfinsternis
© gemeinfrei
(Ausschnitt)

Entschuldigung, liebe Leser! Mein Kommentar scheint in eine Glosse zu entarten. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich zynisch oder wütend sein soll. In welchem Jahr leben wir eigentlich? Und wo?

Deutschland ist stolz auf seinen Wohlstand, seine Wirtschaftskraft. Die Grundlagen dafür, so betonen Politiker aller Couleur gebetsmühlenartig immer wieder, seien unter anderem Entdeckerfreude, Erfindergeist, starke Bildung und Forschung. Wie kann es dann sein, dass derlei Ideale ausgerechnet während eines faszinierenden Naturschauspiels mit Füßen getreten werden? Und aus wohlmeinender Sorge irrationales Verhalten wird? Ist unsere Gesellschaft nur noch von Ängsten gesteuert? Wo bleiben die Fähigkeit zum kritischen Denken, die Erziehung zur Eigenverantwortung und zur sinnvollen Anwendung des Wissens, der gesunde Menschenverstand?

Aufklärung – ja bitte, aber richtig!

Gewiss: Um eine Sonnenfinsternis zu beobachten, müssen bestimmte Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. Das gilt für viele Tätigkeiten. Wie zum Beispiel Auto fahren, elektrische Anschlüsse installieren, bergsteigen, das Liebesleben. Für alles gibt es Regeln, ebenso wie die richtige Ausrüstung. Der Umgang damit will freilich erlernt sein. Aufklärung – ja bitte, aber richtig!

Vielleicht beginnt hier das Dilemma. Wenn jemand sich informieren will, woher soll er wissen, wer seriöse Antworten gibt? Man sucht im Internet, liest die Berichte in der Zeitung, hört den Sendungen in Radio und Fernsehen zu. Dort findet sich Richtiges und Wichtiges direkt neben hanebüchenem Unsinn. Moderatoren erklären allen Ernstes, die Strahlung der Sonne sei während einer Finsternis intensiver als sonst, und versuchen die Frage von Zuschauern, ob man denn an diesem Vormittag ohne Sofi-Brille Auto fahren dürfe, an Experten weiterzuleiten. In diesem medialen Informationswirrwarr gehen vernünftige Informationen, die seit Langem zur Verfügung stehen, weit gehend unter.

Wir könnten es uns nun leicht machen und die Schuld wieder den üblichen Verdächtigen zuweisen: Journalisten, Lehrern, Erziehern, Bürokraten. Stattdessen müssen wir uns alle fragen, welchen Anteil wir an diesem allgemeinen Bildungsdesaster haben. Welchen Stellenwert weist unsere Gesellschaft der naturwissenschaftlichen Ausbildung zu? Ist die Qualität unseres Schulsystems gut oder nur ausreichend? Haben wir, die in der astronomischen Öffentlichkeitsarbeit tätig sind, im Vorfeld versagt? An welchen Stellen haben wir Fehler gemacht? Waren wir vielleicht zu selbstbezogen und haben uns nicht um die richtigen Fragen gekümmert?

Es gilt, die Lehren aus diesen Überlegungen zu ziehen und es künftig besser zu machen. Damit wir unsere Sinnesorgane nutzen, um die Wunder der Natur zu erfassen, uns an ihnen zu erfreuen und sie sowohl zur Mehrung unseres Wissens als auch zur Verbesserung unserer Kompetenzen einzusetzen. Ansonsten könnte es geschehen, dass wir zwar unser Augenlicht bewahren, aber trotzdem in der Finsternis landen.