Was der Terrorismus für die Sicherheitspolitik, ist der Krebs für die medizinische Forschung: Man klebt das Label auf ein passendes Objekt in der jeweiligen Sphäre und jagt den Leuten so lange Angst ein, bis man seinen Willen bekommt. Aber: Nur weil Krebs oder Terror instrumentalisiert werden, gilt noch lange nicht der Umkehrschluss, dass es kein Krebs- oder Terrorismusrisiko gibt. Womit wir beim leidigen Thema Glyphosat wären, über dessen Neuzulassung die EU derzeit verhandelt.

Lars Fischer
© Heide Prange
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Da gibt es nun also zwei prominente Studien, in denen zwei unterschiedliche Organisationen, die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO) und das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung der deutschen Bundesregierung), die verfügbare Literatur über Glyphosat und Krebs ausgewertet haben. Die Ergebnisse deuten scheinbar in sehr unterschiedliche Richtungen. Das führte zu erheblichem Aufruhr bei Fachleuten, Politikern und in der Öffentlichkeit darum, ob nun das BfR oder die IARC unwissenschaftlich, korrupt und gekauft ist.

Diese Diskussion aber ist Unsinn. Der Glyphosat-Streit ist im Kern keine wissenschaftliche Debatte, sondern eine weltanschauliche. Wissenschaftlich interessant daran ist vor allem das, was längst völlig unter den Tisch gefallen ist: Die beiden Institutionen bewerten zwei verschiedene Dinge. Der Unterschied zwischen ihnen ist so fundamental für das Thema Krebs, dass es sich lohnt, ihn noch mal aufzugreifen.

Potenzial und Risiko

Dabei spielt die unglückliche Einstufungsskala der IARC eine erhebliche Rolle. Der springende Punkt ist, dass die Aussagen der Organisation aus praktischer Sicht nur die halbe Geschichte erzählen.

Die IARC bewertet nämlich das Potenzial von Stoffen, Krebs zu erzeugen – aber eben nicht das Krebsrisiko, das von diesen Stoffen ausgeht! So findet man in der Kategorie 1 (sicher krebserzeugend) der IARC neben Tabakrauch, der für zigtausende Krebstote im Jahr verantwortlich ist, auch Holzstaub und Sonnenstrahlung. Im Video unten erkläre ich kurz das Prinzip anhand einiger alltäglicher Stoffe:

Die andere Hälfte der Geschichte ist die Frage, wie relevant dieses Potenzial im Alltag ist. Konkret: Bekommt man nun Krebs, wenn man morgens auf der Terrasse in der Sonne frühstückt oder regelmäßig Wurst ist – Thema der letzten großen Krebsdebatte um Nahrungsmittel. Diese Frage ist schwieriger zu beantworten, unter anderem weil das Krebsrisiko durch eine Substanz auch von der Menge abhängt, die man von ihr aufnimmt.

Dieses Risiko nun versucht das BfR in seinen Gutachten zu ergründen und zu bewerten. Das ist – im Gegensatz zu den Gutachten der IARC – keine rein wissenschaftliche Einschätzung, sondern auch eine politische. Und das muss auch so sein, denn diese Empfehlungen sind Teil eines politischen Prozesses. Man stelle sich vor, man wollte alles verbieten, was die IARC in ihren Kategorien 1 und 2 (sicher, wahrscheinlich, möglicherweise krebserregend) eingestuft hat.

Wissenschaft und Politik

Das BfR nimmt nach seiner Analyse den Standpunkt ein, dass bei sachgerechter Anwendung kein höheres Krebsrisiko durch den Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft zu erwarten sei. Wegen der vermeintlichen Differenz zur IARC-Monografie führte dieses Ergebnis zu großen Protesten. Bei Lichte betrachtet ist die BfR-Einschätzung mit der Bewertung der IARC aber völlig vereinbar, weil die beide Gutachten eben zwei unterschiedliche Dinge betrachten: die Möglichkeit, dass ein Stoff überhaupt Krebs erzeugt, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Alltag durch diesen Stoff Krebs bekommen.

Liest man das IARC-Gutachten, so sieht man, dass die betrachteten Studien gerade in Tierversuchen meist sehr hohe Glyphosatkonzentrationen verwenden, die im Alltag kaum realistisch sind. Die Aussagekraft solcher Studien für das Krebsrisiko durch Stoffmengen, die um mehrere Größenordnungen niedriger sind, ist damit begrenzt. Die dadurch entstehende Wissenslücke müssen andere füllen: Organisationen wie das BfR, die EPA in den USA oder auch das Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues, die im Gegensatz zur IARC tatsächlich politische Empfehlungen abgeben.

Es gibt übrigens einen weiteren Grund, weswegen man in Sachen Glyphosat mit einem Vergleich der IARC- und BfR-Urteile vorsichtig sein sollte. Anders als das BfR hat die IARC nicht nur den Wirkstoff Glyphosat betrachtet. Viele der zitierten Studien prüften ganze Zubereitungscocktails – Gemische des Herbizids mit Hilfsstoffen.

Diese Hilfsstoffe sind ziemlich weit verbreitet, weil sie zum Beispiel die Lagerstabilität oder die Sprühfähigkeit des Produkts erhöhen. Die Substanzen scheinen jedoch weit weniger gut geprüft als die eigentlichen Wirkstoffe. Dieses Thema wird wohl bald noch prominenter auf den Tisch kommen – ob Glyphosat nun zugelassen wird oder nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf SciLogs, der Blogplattform von Spektrum der Wissenschaft.