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Mikroplastik: Mikroperlen und Glitzer ab sofort verboten

An diesem Sonntag tritt die erste EU-Regelung zur Eindämmung von Mikroplastik in Kraft. Kleine Kunststoffperlen in Kosmetika sowie loser Glitzer werden ab dann nicht mehr im Handel erhältlich sein. In den nächsten Jahren sollen schrittweise weitere Verbote folgen.
Goldene Glitzerpartikel und ein Schminkpinsel
Loser Glitzer zählt zum Mikroplastik und ist künftig in der EU verboten, genau wie winzige Kunststoffkügelchen in Cremes und Peelings.

Cremes und Peelings, die Mikroperlen aus Kunststoff enthalten, wird man ab diesem Sonntag nicht mehr kaufen können. Außerdem nicht mehr erhältlich: loser Glitter, also Glitzerstaub, wie er in Nagelstudios, aber auch für Faschings- oder Halloweenverkleidungen genutzt wird.

Das Verbot dieser Produkte ist die erste einer Reihe EU-weiter Maßnahmen, die helfen sollen, die weltweite Mikroplastikflut einzudämmen. In den kommenden zwölf Jahren werden schrittweise »alle synthetischen Polymerpartikel unter fünf Millimeter, die organisch, unlöslich und schwer abbaubar sind« untersagt, hat die EU-Kommission festgelegt. Das Mikroplastikverbot betrifft dann auch weitere Kosmetika und Waschmittel sowie Kunststoffgranulate für Kunstrasenplätze.

Kunststoffteilchen, die kleiner sind als fünf Millimeter, zählen als Mikroplastik. Solche Partikel findet man heute überall auf der Welt – sie schwirren als Staubteilchen in der Luft oder schwimmen in den Ozeanen. Allein der Atlantik beherbergt in den oberen Wasserschichten nach Schätzungen zirka 12 bis 21 Millionen Tonnen solcher kleinster Plastikteilchen, wenn man nur die drei wichtigsten Kunststoffsorten Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol zählt. Wind, Meeresströmungen sowie Kleinstlebewesen transportieren die Fracht schließlich in die entlegensten Regionen der Erde. So fanden Teams um die Meeresforscherin Melanie Bergmann vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven selbst im arktischen Eis hohe Mengen der Kleinstteilchen. Winzige Algen verzehren sie dort und verfrachten die Ladung nach ihrem Absterben in die Tiefsee.

Jährlich zirka 2,7 Millionen Tonnen neues Mikroplastik

»Schätzungen der OECD zufolge gelangen weltweit jedes Jahr 2,7 Millionen Tonnen Mikroplastik in die Umwelt«, erläutert Martin Wagner von der Norwegian University of Science and Technology gegenüber »Spektrum«. Der Biologe forscht seit Jahren zur Wirkung von Mikroplastik auf Ökosysteme und Organismen. Doch der Großteil der kleinen Kunststoffteilchen kommt nicht aus der täglich aufgetragenen Hautcreme oder einer ausufernden Halloweenfeier mit Glitzer-Make-up. Weniger als 0,5 Prozent des Mikroplastiks in der Umwelt stammten aus Kosmetika, führt der Wissenschaftler weiter aus. »Das klingt nach wenig, allerdings schätzt die EU, dass das Verbot dazu führt, dass 500 000 Tonnen weniger Mikroplastik in die Umwelt entlassen werden.«

Diese Einschätzung teilen andere Experten. »Die Mengen an intendiertem Mikroplastik in Kosmetika oder Waschmitteln sind im Vergleich zu Reifen- oder Textilabrieb eher gering«, sagt Ralf Bertling vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Oberhausen gegenüber dem Science Media Center Deutschland (SMC). Als intendiertes Mikroplastik bezeichnet man solches, das Hersteller ihren Produkten absichtlich zusetzen. Der Großteil der Mikroplastikpartikel in der Umwelt rührt von größeren Kunststoffstücken her: Sie entstehen beim Waschen kunstfaserhaltiger Kleidung, beim Öffnen von Plastikflaschen und Lebensmittelverpackungen, durch Reifenabrieb – und immer dann, wenn Kunststoffmüll in der Umwelt durch Wind, Wasser, Sonne und mechanische Beanspruchung langsam, aber sicher in immer kleinere Teile zerbröselt. Jedes Jahr landen mehrere Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen.

Pflanzen und Tiere nehmen die Partikel aus Luft, Wasser und Boden auf. Das kann über die Atemluft geschehen, aber auch über die Nahrung. Eine neue Studie von 2023 schätzt, dass ein Erwachsener täglich im Schnitt rund 14 000 Mikroplastikpartikel über Luft, Wasser und Nahrung abbekommt.

Ob uns die winzigen Kunststoffstückchen schaden, ist nicht geklärt. Den größten Teil von ihnen scheiden wir unverdaut wieder aus. Doch die Forschung zur Wirkung von Mikroplastik auf Organismen steht noch ziemlich am Anfang. Untersuchungen an Plankton etwa zeigen, dass die winzigen Meereslebewesen langsamer wachsen, wenn sie Mikroplastik verzehren. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass sie weniger Nährstoffe aufnehmen, wenn sie sich statt echter Nahrung Plastikteilchen einverleiben. Und wie Untersuchungen von 2023 ergeben, verändert Mikroplastik die Mikrobenzusammensetzung im Darm von Seevögeln: Schädliche Bakterien machen sich vermehrt breit, während die Zahl nützliche Mikroben abnimmt.

Viele Wege, wie Mikroplastik schaden könnte

Es gibt demnach zahlreiche Möglichkeiten, wie Mikroplastik auf Organismen wirken könnte. Nach Ansicht von Experten spielen dabei einerseits Größe und Form eine Rolle, andererseits die Zusammensetzung der Partikel: Gängige Kunststoffe enthalten verschiedenste Zusätze wie Weichmacher, Flammschutzmittel, Farbpigmente und vieles mehr. Zudem lagern sich an den kleinen Fragmenten Umweltschadstoffe an. Ein einzelnes Partikel kann auf diese Weise bis zu 100 verschiedene Stoffe enthalten. Gelangt es in einen Organismus, bringt es also eine Fracht an potenziell schädlichen Stoffen mit, von Giften bis zu endokrinen Disruptoren, die hormonähnlich wirken und den Stoffwechsel durcheinanderbringen können.

Auch wenn Mikroperlen aus Kosmetika »nur einen verschwindend geringen Teil der Mikroplastikpartikel in der Umwelt« ausmachen, wie Carolin Völker und Johanna Kramm vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt 2020 in »Spektrum der Wissenschaft« schrieben, begrüßen Experten das neue EU-weite Verbot. »Ich halte das Mikroplastikverbot der EU für einen wichtigen, ersten Schritt zur Eindämmung der Plastikverschmutzung«, schreibt Martin Wagner und führt weiter aus: Mikroperlen in Kosmetika »leisten einen kleinen, aber beherrschbaren Beitrag zur Plastikverschmutzung und bringen uns selbst nur wenig Vorteile«. Da die negativen Auswirkungen noch nicht gut verstanden seien, rät er dazu, vorsorglich zu handeln.

Ein erster wichtiger Schritt

»Meines Erachtens wird ein Verbot von gezielt zugesetztem Mikroplastik helfen, Mikroplastik-Emissionen in die Umwelt weiter zu reduzieren«, äußert sich auch Bertling. Gerade bei Kosmetika gebe es bereits genügend Alternativen, etwa Sand, gemahlene Obstkerne oder Kaffeesatz. Und auch, wenn das explizite Verbot von Glitzerpartikeln auf den ersten Blick symbolisch anmuten mag: Britische Forscher hatten genau das bereits 2017 gefordert.

Um die Schwemme der kleinen Kunststoffteilchen wirklich in den Griff zu bekommen, muss man allerdings die steigende Menge an Plastikabfällen angehen. Derzeit verhandelt ein internationales Gremium über ein globales Plastikabkommen. »Die Welt hat ein großes Problem mit Makroplastik, das Mikroplastik und Chemikalien freisetzt. Außerdem trägt die Kunststoffproduktion erheblich zur Klimakrise bei«, sagt Wagner. Er hofft daher auf ein starkes Regelwerk: »Wenn es gelingt, mit dem Abkommen die Kehrtwende hin zu einer nachhaltigen Plastiknutzung ohne schädliche Chemikalien zu schaffen, ist das aus wissenschaftlicher Sicht sehr begrüßenswert.«

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