Parasiten haben ein wunderbares Leben: Sobald der einzig wirkliche Gegner – das Immunsystem des Wirtes – mit der Erfahrung von Jahrtausenden ausmanövriert ist, gibt es eigentlich nur noch Dauerschlaraffenland mit Futter frei Haus. So könnte es ewig weitergehen. Außer man plant eine Familie. Denn mit dem Entschluss, viele kleine Nachkommen zu produzieren, beginnt auch für Parasiten der Ernst des Lebens. Warum, ist schnell erklärt: drohender Platzmangel in der Wirtskörper-Wohnstatt.

Auf das Problem haben Schmarotzer im Laufe der Evolution verschiedenste Antworten gegeben. Eine der Sinnigsten heißt Umzug: Ist ein Wirt maximal ausgebeutet und überschwemmt, treibt man den Nachwuchs hinaus, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Allerdings ist so ein Wirtswechsel auch eine der gefährlichsten Phasen im Parasitenleben, allzu oft sollte man sich diesen Stress also besser nicht antun. Besonders clevere, hochentwickelte Vertreter bereiten sich daher intensiv vor: Ein Wechsel zwischen zwei Wirtswohnungen wird durch manipulativen Druck auf ihren Umzugsunternehmer vorbereitet.

Der Lebenszyklus des Toxoplasose-Erregers
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Genau das macht Toxoplasma gondii, wie schon einige Forschergruppen und nun ein Team um Ajai Vyas von der Universität Stanford berichten. Bei Toxoplasmen sind alte Wohnung und Umzugsunternehmer ein und dasselbe: eine Maus. Der Parasit kann durchaus auch in Schafen, Menschen, Rindern und Vögeln gedeihen und Nachkommen durch einfache ungeschlechtliche Teilungs- und Vermehrungsschritte produzieren. Irgendwann aber wird es auch für ihn Zeit für Sex, um den Genpool wieder einmal kräftig durchzumischen – und dafür müssen Parasitenmann und -frau im einzigen echten Endwirt Katze aufeinandertreffen. Dort hinein gelangt der schlaue Parasit am besten als Katzenfutter.

Manipulationsfreudiger Schmarotzer …

Der gewitzte Schmarotzer in der Maus wartet also einfach ab. Oder er optimiert – am allerbesten – noch aktiv die Chancen der Maus, auf eine hungrige Katze zu treffen. Wie er das bewerkstelligt, untersuchten Vyas und Kollegen durch einen Vergleich des Furcht-Verhaltens von Toxoplasma-infizierten Mäusen und gesunden Nagern. Die Idee dahinter: Wahrscheinlich schaltet Toxoplasma einfach die mausübliche Furcht und Vorsicht ab. Mäuse, die ohne sich irgendeiner Gefahr bewusst zu sein über offenes Gelände huschen und Verstecke meiden, sollten schließlich ein ausreichend großes Katzenproblem bekommen.

Tatsächlich kapseln sich Toxoplasmen im Mäusehirn vermehrt in mittleren sowie basal-seitlichen Abschnitten der Amygdala ein, fanden die Forscher heraus – einem für Angstreaktionen zuständigen Areal. Dort aber arbeiten sie offenbar deutlich subtiler als gedacht, erkannten die Forscher beeindruckt: Unter dem Einfluss des Schmarotzers im Hirn verhielten sich die Nager generell noch immer recht vorsichtig und zeigten typische Vermeide-Strategien. Auch ihre Fähigkeit, bislang unbekannte Gefahren als schädlich zu erlernen, blieb intakt – bis auf eine Ausnahme: Katzenduft, sonst ein sicherer Maus-Abschrecker, war für infizierte Tiere plötzlich verführerisch anlockend – eine in der Realität wohl meist tödlich endende Versuchung, die ganz im Sinne des steuernden Hirnparasiten sein dürfte [1].

Die Wissenschaftler sind noch ziemlich überfragt, wie genau die Schmarotzerkapseln im Maus-Angstzentrum derart spezifische Reaktionen völlig ins Gegenteil verkehren können, ohne dabei ganz generell das Furcht-Verhaltensrepertoire zu beeinflussen. Die Parasiten in der Amygdala der verhaltensgestörten Tiere haben vielleicht einst erlernte Verknüpfungen von Angst mit dem Reiz Katzenduft gelöscht, spekulieren die Forscher. Ähnliches konnten Kollegen schon bei Tieren mit verletzter Amygdala beobachten.

… auch im Menschen?

Nicht übersehen haben Vyas und Kollegen auch eine zur Geschichte gut passende, vor Kurzem in Toxoplasma-infizierten Menschen gemachte Beobachtung. Für den nicht wählerischen Parasiten sind Menschen wie Mäuse – ein Zwischenwirt, den es Richtung Katze zu verlassen gilt. Möglicherweise versucht der Parasit daher auch in menschlichen Gehirnen seine Tricks – und ohne zu erreichen, dass Homo sapiens sich vom Stubentiger verspeisen lässt, richtet er dabei wohl doch einiges Unheil an, wie viele Studien belegen: Toxoplasmose-Opfer zeigen auch lange nach der Infektion nicht selten plötzliche psychische Veränderungen bis hin zu Schizophrenie-Symptomen oder psychomotorische Ausfälle.

Umgekehrt aber können gegen Schizophrenie beim Menschen gerichtete Medikamente – etwa Haloperidol – bei mit Toxoplasmen infizierten Mäusen wieder genau die Angstreaktionen hervorrufen, die durch die Parasiten zuvor ausgeschaltet wurden, hatten Joanne Webster und Kollegen von der Universität Oxford herausgefunden [2]. Offensichtlich gelingt die spezifische Wirkungsweise der Toxoplasma-Parasiten also nicht etwa durch eine brachiale Zerstörung bestimmter Neuronennetze, sondern durch eine mit Medikamenten reversible chemische Manipulation von einiger Raffinesse. Ein typisch egozentrischer Parasit – bei der Wahl seiner Mittel aber sicher auch ein ziemlich eleganter.