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Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation: Was hilft gegen Kreidezähne?

Sind die Zähne eines Kindes porös, verfärbt und schmerzempfindlich, kann es sich um Kreidezähne handeln. Wie schlimm ist das? Was führt dazu? Und wie kann man behandeln? Die FAQ
Ein Mädchen hält im Badezimmer in seiner ausgestreckten Hand eine Zahnbürste.
Die allgemeinen Empfehlungen besagen, man solle die Zähne mindestens zweimal täglich gründlich je drei Minuten lang reinigen. Im Krankheitsfall kann das abweichen.

Weltweit haben immer mehr Kinder Kreidezähne. Diese haben einen deutlich weicheren Zahnschmelz als gesunde Zähne, was sie porös und schmerzempfindlich macht. Mangelte es den Kindern womöglich an Vitamin D? Gibt es eine genetische Veranlagung dafür? Oder ist doch der Weichmacher Bisphenol-A verantwortlich? Welche Ursachen debattiert werden, warum es wichtig ist, die Zähne zu schützen, und wie sich Kreidezähne behandeln lassen – wesentliche Fragen und Antworten.

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Wie äußern sich Kreidezähne?

Bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, sind die ersten bleibenden Backenzähne nicht richtig mineralisiert worden. Der Zahnschmelz ist oft brüchig oder fehlt ganz. Die Zähne sind rau und porös, stellenweise zerklüftet. Mitunter haben die mehrwurzeligen Zähne im hinteren Bereich des Kiefers – Molare genannt – gelb-braune Flecken, sehen sonst aber intakt aus. Von den betroffenen Bereichen abgesehen, ist das Gebiss völlig gesund.

Erstmals beschrieben worden ist die MIH im Jahr 1987. Klassisch sind einer oder alle vier der bleibenden Backenzähne betroffen, mitunter kommen auch die Schneidezähne dazu. »In Ausnahmefällen kann es sein, dass zusätzlich auch ein Eckzahn fleckig ist«, sagt die Zahnärztin Katrin Bekes, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde.

Wann und wie stark das Gebiss betroffen ist, unterscheidet sich von Kind zu Kind. Mal geht es bloß um die ersten bleibenden Backenzähne, die im Alter von etwa sechs Jahren durchbrechen, mal um die späteren und die Schneidezähne. Mal sind die Flecken weiß-gelb, mal gelb-braun. Mal ist nur ein Höcker eines Backenzahnes bröselig, mal die gesamte Krone. Mal sieht man bereits an dem Milchzahn erste Hinweise auf MIH, mal folgen auf ein makelloses Milchgebiss zwei völlig kaputte Molaren.

»Wir unterscheiden in drei Schweregrade, eine milde, eine mittlere und eine schwere MIH«, sagt der Zahnarzt Norbert Krämer, Direktor der der Kinderzahnheilkunde an der Uniklinik Gießen. »Die ersten beiden Formen machen keine oder kaum Beschwerden«, bei ihnen sei das Problem oft vor allem ästhetischer Natur. Die meisten Kinder haben diese Formen – was allerdings nicht heißt, dass die Zähne nicht später doch noch bröselig werden könnten.

Die schwere Ausprägung der MIH bringt gleich mehrere Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur, dass die Zähne zusammenbrechen und stellenweise abbrechen. Weil sich die zerklüftete Oberfläche kaum ordentlich putzen lässt und betroffene Zähne kälte-, luft- und berührungsempfindlich sind, bleiben viele Kinder ihnen mit der Zahnbürste lieber fern. »Wenn da der Zahnarzt die MIH als Karies fehldeutet und dann mit dem Luftstrahl durch den Mund pustet, gehen die Kinder an die Decke«, sagt Krämer.

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Sind auch Milchzähne anfällig dafür?

Inzwischen haben Expertinnen und Experten eine Unterform der MIH ausgemacht, die Milchmolaren-Hypomineralisation, kurz MMH. Dabei sind die letzten Milchbackenzähne unzureichend mineralisiert. »Weltweit sind etwa acht Prozent der Kinder betroffen«, sagt Bekes, die auch den Fachbereich Kinderzahnheilkunde der Universitätszahnklinik Wien leitet.

»Wir wissen, dass diese Kinder ein gewisses Risiko tragen, später auch häufiger eine MIH an den bleibenden Zähnen zu zeigen, denn die Bildung der letzten Milchbackenzähne überschneidet sich in einem ganz kleinen Zeitfenster mit der Bildung der bleibenden Backenzähne.« Heißt: Wenn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die Mineralisation gestört ist, sind sowohl die Milch- als auch die bleibenden Backenzähne geschädigt.

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Wie häufig sind Kreidezähne mittlerweile?

Weltweit jedes siebte bis achte Kind könnte erkrankt sein. Laut der Fünften Deutsche Mundgesundheitsstudie hingegen liegt die Prävalenz von Zwölfjährigen bei 28,7 Prozent.

»Es deutet alles darauf hin, dass es sich um ein multikausales Geschehen in den ersten Lebensmonaten handelt«Norbert Krämer, Zahnarzt

Um künftig aussagekräftigere Werte zu haben, hat man die Kriterien für die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie überarbeitet – die Datenerhebung beginnt Anfang 2023.

Es sei davon auszugehen, dass die Zahl der betroffenen Kinder währenddessen weiter steigen wird, sagt Zahnarzt Krämer. Dennoch mangele es an der wissenschaftlichen Untersuchungen, die nötigen Studien seien aufwändig und teuer, in der aktuellen Politik fehle zudem die Motivation die Ursachenforschung zu unterstützen, erklärt er.

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Wie entstehen sie?

Die Entwicklung eines Zahnes ist ein langwieriger, kleinteiliger Prozess. Schließlich müssen für jeden Zahn Zahnschmelz, Dentin, Wurzelzement und Wurzelhaut angelegt werden. Sowohl im Milchgebiss als auch bei den bleibenden Zähnen. Die Grundlagen für die Zahnbildung werden daher bereits bei dem Ungeborenen im Mutterleib gelegt.

Den Anfang macht das Zahnbein, das Dentin. Es wird von Odontoblasten gebildet. Jeder Mensch verfügt ein Leben lang über diese Zellen, weshalb Dentin nachgebildet werden kann. Für den Zahnschmelz sind Zellen namens Ameloblasten zuständig, auch Adamantoblasten genannt. Sie bilden den Zahnschmelz in zwei Phasen. Zunächst sondern sie zwei Proteine ab, die das Gerüst für den Schmelz bilden und eine vorläufige Mineralisierung darstellen. Dann beginnt die zweite, die sogenannte Reifephase, in der der Schmelz mit Salzen gefüllt wird, die zu Hydroxylapatit mineralisieren. Das ist der Hauptbestandteil des Zahnschmelzes.

Dort übernehmen die Ameloblasten vor allem Transportaufgaben. Haben sie ihren Job erledigt und das Dentin eines neuen Zahnes gründlich mit Schmelz umhüllt, sterben sie ab. Das alles geschieht, während der Zahn noch im Kiefer steckt. Bricht die fertige Krone dann durch, ist die Schmelzbildung abgeschlossen. Da es keine Ameloblasten mehr gibt und diese auch nicht noch einmal gebildet werden können, kann auch der Schmelz nicht mehr repariert werden.

Im Laufe dieses Schmelzbildungsprozesses geht bei Kindern, die später MIH haben, etwas schief. So viel ist klar. Doch niemand weiß, was genau die Funktion der Ameloblasten beeinträchtigt, ob es zu wenige sind oder die vorhandenen einfach die ihnen zugedachte Aufgabe nicht ordentlich erledigen können.

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Welche Ursachen vermutet man?

Das Zeitfenster der Kronenentwicklung liegt kurz vor der Geburt und zieht sich in die ersten Lebensjahre eines Kindes hinein. »Die vorgeburtliche Phase können wir wohl in den Hintergrund stellen, der Fokus liegt auf der nachgeburtlichen Phase«, sagt Bekes. Die Kreidezähne korrelieren stark mit fieberhaften Erkrankungen wie Mittelohrentzündungen, Bronchitiden, Lungenentzündungen oder Asthma. Auch Harnwegsinfekte oder Masern werden mit einer MIH in Verbindung gebracht. Fieber und Antibiotikagebrauch, die als Folgen von Kinderkrankheiten angesehen werden können, werden ebenfalls diskutiert. Ob allerdings Antibiotikum, Entzündung oder Fieber die Mineralisation der Backenzähne beeinflussen, ist unklar. Es fehlen nach wie vor große Studien, die Schwangere und ihre Kinder nach der Geburt begleiten, um hier eine zuverlässige Aussage treffen zu können.

»Alles, was wir bisher haben, ist retrospektiv, uns fehlen prospektive Untersuchungen«, sagt Bekes. Experten weltweit seien überzeugt, dass nicht eine einzelne Antibiotikagabe oder ein Infekt der Auslöser für die MIH ist, sondern dass es ein multifaktorielles Geschehen ist. Auch Krämer sagt: »Es deutet alles darauf hin, dass es sich um ein multikausales Geschehen in den ersten Lebensmonaten handelt.« Als mögliche Ursache kommt demnach auch ein Vitamin-D-Mangel in Frage.

Während einige Studien keinen Zusammenhang finden konnten, zeigt beispielsweise die COPSAC-Studie, dass Sechsjährige deutlich seltener unter der Zahnschmelzstörung litten, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft hochdosiertes Vitamin D bekommen hatten. Das deutet darauf hin, dass ein hoher Vitamin-D-Spiegel der Mutter einen schützenden Effekt haben könnte.

»Wir haben inzwischen etablierte Therapiekonzepte, je nach Schweregrad, und wissen, was zu tun ist«Katrin Bekes, Zahnärztin

Die Vermutung, stillende Mütter würden über die Muttermilch an das Ungeborene Umweltgifte weitergeben, die den Zahnschmelz schädigen, hat sich bislang nicht bestätigt. Vor allem Bisphenol-A, kurz BPA, wurde als potentieller Schmelzstörer diskutiert und in einer Studie an Ratten zeigte ein Team, dass die Zahnmineralisation beeinflusst wird. Forschende bezweifeln allerdings, dass das auf den Menschen übertragbar ist, da Ratten grundsätzlich empfindlicher auf BPA reagieren. Die Verwendung BPA-haltiger Polycarbonate ist in Europa seit dem Jahr 2016 verboten.

Spielt die genetische Veranlagung eine Rolle? Die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft? Wirken sich Antiobiotika oder auch andere Medikamente im frühen Kindesalter auf die Zahnmineralisation aus? Weltweit suchen Experten nach Antworten auf diese Fragen. Sie haben sich in der Alliance of Molar Incisor Hypomineralization Investigation and Treatment (AMIT) zusammengeschlossen und suchen nicht nur die Ursachen der MIH, sondern diskutieren auf Kongressen wie Anfang Dezember 2022 zudem mögliche Therapien.

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Wie lässt sich Kreidezähnen vorbeugen?

Da die Ursache der MIH nicht bekannt ist, können Zahnmediziner keine Tipps geben, wie man Kreidezähne verhindern kann. Erziehende können Kinder jedoch vor besonders schlimmen Verläufen bewahren. »Wir haben inzwischen etablierte Therapiekonzepte, je nach Schweregrad, und wissen, was zu tun ist«, sagt Bekes. Dabei gilt: Je früher die Diagnose gestellt wird, umso eher können die Zahnärztinnen helfen.

Erwachsene sollten Kinder ab dem ersten Zahn zahnärztlich untersuchen lassen, spätestens aber innerhalb des ersten Lebensjahres. Betroffene Zähne sind sehr sensibel und schmerzempfindlich. Mag ein Kind zum Beispiel auf einmal kein Eis mehr, kann das ein recht deutliches Zeichen für eine Überempfindlichkeit von Zähnen und ein Alarmzeichen sein, das auf MIH hinweisen könnte.

Ist MIH einmal diagnostiziert, begleiten Zahnmediziner das Kind eng mit einer umfangreichen Prophylaxe, um die Zähne vor weiteren Schäden zu schützen. Dazu gehören regelmäßige Zahnreinigungen, Anleitungen zur Mundhygiene sowie Fluoridauftragungen.

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Wie können Ärztinnen und Ärzte helfen?

Heilen lässt sich MIH nicht. Für viele Betroffene ist die Hypersensibilität ein großes Problem, sie trifft oft auch Zähne, die bloß fleckig erscheinen. Zahnmediziner versuchen mit speziellen Pasten, die Zähne weniger schmerzempfindlich zu machen und etwas mehr zu mineralisieren. Die Pasten enthalten den Komplex Casein Phosphopeptid – amorphes Calciumphosphat – und stellen den Zähnen damit große Mengen der Mineralstoffe Calcium und Phosphat zur Verfügung. Sind die Schäden größer, müssen Zahnärztinnen sich an Füllungen versuchen oder im schlimmsten Fall den Zahn ziehen.

Als Seitenzweig der MIH-Therapie ist die Kariesprophylaxe essentiell. »Die Zähne sind rau und bieten damit ideale Voraussetzungen für Ablagerungen, zudem werden sie meist schlechter geputzt, weil sie empfindlich sein können und dann schmerzen«, sagt Bekes. Betroffene Kinder sollten daher in Abhängigkeit vom Kariesrisiko mindestens zweimal, besser viermal im Jahr zur Intensivprophylaxe gehen.

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