Psychopathen gelten als furchtlos, impulsiv, gefühlskalt und manipulativ. Da sie oft schon in ihrer Kindheit wenig empfänglich für Bestrafung durch Eltern, Lehrer oder den Rechtsstaat sind, geraten sie nicht selten auf die schiefe Bahn und landen als Erwachsene für schwere Vergehen hinter Gittern. Warum selbst harte Strafen die Betroffenen vergleichsweise kaltlassen, hat nun ein Team um Sheilagh Hodgins von der University of Montreal und Nigel Blackwood vom King’s College London aufgedeckt: Offenbar ist bei kriminellen Psychopathen jener Teil des Gehirns beeinträchtigt, der sie sonst aus den Konsequenzen ihrer Taten lernen lassen würde.

Die Forscher rekrutierten für ihre Studie insgesamt 50 Männer. 32 davon standen unter Bewährungshilfe und hatten in der Vergangenheit bereits für Gewalttaten wie Mord, Vergewaltigung oder schwere Körperverletzung im Gefängnis gesessen. Zudem war bei ihnen allen eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden, die bei 12 Probanden zusätzlich mit Psychopathie einherging. Die übrigen Versuchsteilnehmer hatten weder eine Straftat begangen noch litten sie unter einer psychischen Störung.

Im Hirnscanner ließen die Wissenschaftler alle Probanden ein Spiel spielen, bei dem sie eines von zwei Bildern auswählen mussten, die vor ihnen auf einem Bildschirm erschienen. Wählten die Probanden das richtige Bild aus, bekamen sie Punkte dafür gutgeschrieben, wählten sie das falsche, dann wurden ihnen wieder welche abgezogen. Alle Versuchsteilnehmer entdeckten relativ schnell das Schema dahinter und wählten anschließend ausschließlich die Variante, die ihnen die Punktebelohnung einbrachte. Im Lauf des Versuchs änderten die Forscher das System allerdings – die Teilnehmer wurden nun für die Entscheidungen, die zuvor noch richtig waren, bestraft und mussten ihre Strategie anpassen, um weiterhin eine Belohnung zu erhalten.

Langfristig schlechte Entscheidungen

Obwohl alle Probanden letztlich im Durchschnitt ähnlich gute Werte in dem Spiel erzielten, reagierten die Gehirne der Psychopathen anders auf die plötzliche Bestrafung: Im Gegensatz zu den Straftätern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung und zur Kontrollgruppe waren bei ihnen vor allem Teile des zingulären Kortex und der Inselrinde sehr aktiv und zudem anders mit weiteren Bereichen des Gehirns vernetzt. Zingulärer Kortex und Inselrinde sind Teil eines Netzwerks, das an der Verarbeitung von Belohnungssignalen beteiligt ist und üblicherweise gedrosselt wird, wenn auf eine Handlung plötzlich Strafe folgt, um eine Verhaltensänderung anzustoßen. Bei den Psychopathen verstärkte das Gehirn dagegen weiterhin auch das Fehlverhalten. Das könnte ein Grund sein, warum die Betroffenen sich zwar kurzfristig anpassen können, langfristig aber nicht in der Lage sind, aus schlechten Entscheidungen zu lernen, vermuten die Autoren.

"Unsere Erkenntnisse ziehen damit die weit verbreitete Annahme in Zweifel, die Gehirne von Psychopathen würden einfach nur schwächer auf Bestrafung reagieren", schreiben Hodgins, Blackwood und Kollegen in ihrer Studie. Stattdessen zeigen die Ergebnisse, dass Psychopathen Strafe genauso gut aufnehmen – nur eben anders verarbeiten.