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Geisterspiele: Frauen reagieren auf leere Ränge anders als Männer

Die Olympischen Spiele in Tokio finden ohne Zuschauer statt. Was bedeutet Stille im Stadion für die Sportlerinnen und Sportler? Offenbar hängt das vom Geschlecht ab: Ein neuer Befund weist auf einen bisher unbekannten Unterschied zwischen Männern und Frauen hin.
Ein Fußballer steht allein in einem leeren Stadion

Bei den Olympischen Spielen in Japan ist Publikum ausgeschlossen. Wie werden die Sportlerinnen und Sportler auf die leeren Ränge reagieren? In einzelnen Sportarten haben Forschende das in den vergangenen Monaten bereits untersuchen können. Ein Team der Universitäten in Jena und Halle-Wittenberg beobachtete bei Biathlon-Wettbewerben: Als dort pandemiebedingt niemand zuschaute, veränderte sich tatsächlich die Leistung – allerdings bei Männern und Frauen in unterschiedlicher Weise. In der Saison 2020 waren Männer im Skilanglauf im Schnitt langsamer, Frauen hingegen schneller als in der Vorsaison. Am Schießstand kehrten sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern um.

Bislang war bekannt, dass die Anwesenheit von Publikum die Leistung vor allem dann steigert, wenn es um Anstrengung und Ausdauer geht. Fachleute sprechen bei diesem Phänomen von »sozialer Aktivierung«: Wenn andere zugucken, steigt die Aufregung und setzt zusätzliche Kräfte frei. Bei komplexeren Aufgaben, die Koordination erfordern, schien sich die Leistung eher zu verschlechtern. Die Befunde waren allerdings nicht ganz eindeutig, und sie stützten sich vorwiegend auf Untersuchungen am männlichen Geschlecht.

Bei den Männern zeigten sich die bekannten Effekte nun auch in der aktuellen Studie, berichtet das Team um Amelie Heinrich, Sportpsychologin im deutschen Biathlon-Nachwuchskader. Die Gruppe verglich die Leistungen von knapp 120 Athletinnen und Athleten in der Saison 2018/2019 sowie 2020 während der Corona-Pandemie. Die Männer liefen wie erwartet mit Publikum schneller, schossen aber schlechter – passend dazu, dass Schießen mehr Koordination erfordert als Skilanglauf und die Leistung deshalb unter zusätzlicher Aufregung leidet.

Das Publikum könnte Geschlechterstereotype aktivieren

»Bei den Frauen war es interessanterweise genau umgekehrt«, berichtet Amelie Heinrich in einer Pressemitteilung: Sie liefen vor Publikum langsamer, schossen aber schneller und trafen tendenziell auch besser. Koautor Oliver Stoll von der Universität Halle-Wittenberg sagt: »Das Ergebnis weist auf einen bisher unbekannten Unterschied zwischen Männern und Frauen hin.« Wie es zu den unterschiedlichen Reaktionen kommt, sei noch unklar. Heinrich und ihre Kollegen halten es für möglich, dass die Anwesenheit von Publikum geschlechtsspezifische Stereotype aktiviert.

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