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Saudi-Arabien: Riesenrechtecke dienten steinzeitlichem Schädelkult

Vor 7000 Jahren errichteten Viehhirten hunderte Riesenrechtecke im Norden der Arabischen Halbinsel. Für was, war bislang nicht ganz klar. Nun zeigt sich: Man opferte dort Tierschädel.
Ritualkammer in einem Mustatil.
In der Rechteckanlage unweit des Oasenorts Al-Ula legten Archäologen eine Kammer mit Steinstelen frei. Darin fanden sich Schädelreste von Tieren, die dort in der Jungsteinzeit vermutlich einer Gottheit dargebracht wurden.

Vor 7000 Jahren errichteten Menschen dort, wo sich heute der Norden Saudi-Arabiens erstreckt, hunderte rechteckige Steinformationen. Für welchen Zweck, war bislang nicht sicher, eine kultische Funktion lag jedoch nahe. Nun haben Ausgrabungen den Verdacht erhärtet, dass die riesigen Rechtecke wohl als Ritualstätten dienten. Ein Archäologenteam um Melissa Kennedy von der University of Western Australia in Perth legte eine Anlage, ein so genanntes Mustatil (arabisch für Rechteck), in der Nähe der saudi-arabischen Oasenstadt Al-Ula frei. Wie die Gruppe im Fachblatt »PLOS ONE« schreibt, stieß sie auf Überreste von Tierschädeln, die um Steinstelen gruppiert lagen. Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die Tiere bei Ritualen niedergelegt worden waren – von Hirtenkulturen, die sich vor rund 7000 Jahren in einer trockenfallenden Arabischen Halbinsel wohl ihrer Lebensgrundlage versichern wollten.

Mit Hilfe von Satelliten- und Luftbildern haben Fachleute bislang ungefähr 1600 Mustatils dokumentiert, auf einer Fläche von zirka 300 000 Quadratkilometer. Das entspricht fast der Größe von Deutschland. Die längste Steinformation misst zirka 600 Meter in der Länge. Die Monumente bestehen aus zwei gegenüberliegenden terrassenähnlichen Steinplattformen, die, verbunden durch zwei flache Mauern, ein langes Rechteck bilden. 14C-Daten bescheinigen ein Alter der Anlagen von zirka 6000 bis 8000 Jahren. Sie gehören demnach in die späte Jungsteinzeit.

Kennedy und ihre Kollegen haben nun ein Mustatil von 140 Meter Länge ausgegraben, das sich unweit der Ortschaft Al-Ula im Nordwesten von Saudi-Arabien befindet. An einem Ende der Anlage deckten die Archäologen eine Kammer auf, in der drei Steinstelen aufrecht im Boden steckten. Wie die rund 260 Überreste von Hörnern, Zähnen und Tierschädeln bezeugen, waren dort immer wieder Tierköpfe abgelegt worden. Die allermeisten stammten von Rindern, viele davon domestiziert, andere von wilden Exemplaren. Ein Teil der Knochen weisen die Forschenden Ziegen zu. Weil es sich bei den geopferten Herdentieren vor allem um männliche Individuen gehandelt hatte und weil man nur Köpfe deponierte, dürften die Tiere laut den Forschenden aus rituellen Gründen geschlachtet worden sein. Die Steinstelen deuten die Archäologen als Kultbilder bislang unbekannter neolithischer Gottheiten.

Typisches Mustatil | Die Rechteckanlagen bestehen für gewöhnlich aus zwei Plattformen an den Enden, die durch flache Mauern verbunden sind. Dazwischen liegt eine Art Hof.

Allerdings war das Mustatil bei Al-Ula nicht lange in Gebrauch. Die Radiokarbondaten der Schädelreste zeigten, dass in der Stelenkammer vielleicht ein oder zwei Generationen lang Opfer dargebracht wurden. Möglicherweise legten folgende Generationen neue Mustatils an, schreiben Kennedy und ihr Team. Das könnte auch die schiere Menge von zirka 1600 Rechtecken im Norden Saudi-Arabiens erklären. Der Standort der Anlage bei Al-Ula geriet jedoch in der späten Jungsteinzeit nicht in Vergessenheit: Rund um das Rechteck entdeckten die Ausgräber eine mit Steinen ausgelegte Grube, in der die Skelettreste eines Mannes lagen. Er war dort 400 bis 500 Jahre nach dem Ende des Mustatils bestattet worden – »vielleicht als Mittel, um mit der Zeit der Ahnen in Verbindung zu bleiben«, heißt es in der aktuellen Studie.

Paläoklimatische Studien haben ergeben, dass sich auf der Arabischen Halbinsel während des 9. bis 5. Jahrtausends v. Chr. statt Wüste Grasland erstreckte und reichlich Niederschläge fielen. Damals trieben vermutlich Viehhirten ihre Herden durch diese Landschaften. Doch die Feuchtphase verlief nicht überall gleich stabil. Dort, wo sich heute der Norden Saudi-Arabiens erstreckt, hielten die günstigen Bedingungen nur zwischen 6800 und 5900 v. Chr. an. Das Jahrtausend danach fiel die Region allmählich trocken.

Die Menschen könnten die Mustatils, so vermuten Kennedy und ihr Team, demnach als Reaktion auf diese klimatische Entwicklung erbaut haben. In den Ritualstätten versicherten sie sich mit Opfern der Gunst ihrer Götter, um weiterhin genug Wasser für sich und ihre Rinder- sowie Ziegenherden zu garantieren. Dafür spreche auch, dass die meisten Rechteckanlagen in der Nähe von Wadis oder einstigen Wasserstellen liegen.

Erstmals in den 1970er Jahren dokumentierten Wissenschaftler Mustatils auf der Arabischen Halbinsel. Doch erst seit 2017 haben Fachleute begonnen, die Stätten systematisch zu untersuchen und einzelne Anlagen auszugraben.

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